Wir sind dabei, die Berichte über das Geschlecht Israels, die Söhne Jakobs, und insbesondere die Berichte über das Leben Josefs anzuschauen. Josef zog im Alter von 17 Jahren auf Geheiß seines Vaters aus, um nach seinen Brüdern zu schauen. Die Brüder aber wollten diese Gelegenheit nutzen, um ihren Bruder zu töten. Einer der Brüder, Ruben, versuchte, Josefs Leben zu retten und schlug vor, ihn in einen Brunnen zu werfen. Aber sein Plan, Josef auf diese Weise zu retten und wieder dem Vater zurückzubringen, kam auch nicht zustande. Juda hatte dann die Idee, Josef an eine Karawane von Midianitern und Ismaelitern zu verkaufen. Das erschien ihnen als die einfachere Art und Weise, die Träume und den Träumer in einem loszuwerden. Das Flehen und die Angst in der Seele des Josef ließen sie nicht auf sich wirken. Ihrem Vater Jakob zeigten sie dann Josefs Gewand, das sie zerrissen und in Blur getaucht hatten, so daß er annehmen mußte, Josef sei tot. Jakob wollte sich nicht trösten lassen über den großen Verlust seines Lieblingssohnes.

Josef in Potifars Haus

Dieser Teil unsrer Studie beginnt nun, als Josef in Ägypten ankam.

1. Mose 39,1:
Josef wurde hinab nach Ägypten geführt, und Potifar, ein ägyptischer Mann, des Pharao Kämmerer und Oberster der Leibwache, kaufte ihn von den Ismaelitern, die ihn hinabgebracht hatten.

Josef wurde in eine Stadt Ägyptens gebracht, wo der Pharao selbst residierte. Josef kam als Sklave zu Potifar, “einem ägyptischen Mann”, wie es heißt. Es wird dreimal erwähnt, daß Potifar ein Ägypter war; es könnte sein, daß zu jener Zeit eine neue Dynastie in Ägypten an die Macht gekommen war, die vielleicht ursprünglich nicht ägyptisch war, und daß deshalb erwähnt wird, daß Potifar “ein ägyptischer Mann” war. Potifar hatte seinen Rang und seine Stellung als Kämmerer und Oberster der Leibwache des Pharao behalten. Potifar kaufte Josef von den Ismaelitern und brachte ihn zu sich nach Hause.

Josefs Träume scheinen weit weg von einer Erfüllung, und er befindet sich nicht in einer Lage, wo andere sich vor ihm verneigen.

1. Mose 39,2:
Und der HERR war mit Josef, so daß er ein Mann wurde, dem alles glückte. Und er war in seines Herrn, des Ägypters, Hause.

Dies ist wahrlich bemerkenswert. Josef hätte durchaus auch auf des Ägypters Ackerland oder irgendwo sonst im Nildelta enden können, stattdessen aber kam er in dessen Haus. So konnte der Ägypter sehr schnell merken, daß dies ein junger Mann war, dem einfach alles gelang. „Und der HERR war mit Josef, so daß er ein Mann wurde, dem alles glückte.”

1. Mose 39,3 und 4:
Und sein Herr sah, daß der HERR mit ihm war; denn alles, was er tat, das ließ der HERR in seiner Hand glücken,
so daß er Gnade fand vor seinem Herrn und sein Diener wurde. …

Zuerst war Josef nur ein Diener im Hause, nun aber machte Potifar ihn zu seinem persönlichen Assistenten, Josef wurde nun „sein [Potifars] Diener”. Josef wurde Potifars persönlicher Diener, und er erhielt bedeutende Aufgaben.

1. Mose 39,4 und 5:
… Der setzte ihn über sein Haus; und alles, was er hatte, tat er unter seine Hände.
Und von der Zeit an, da er ihn über sein Haus und alle seine Güter gesetzt hatte, segnete der HERR des Ägypters Haus um Josefs willen, und es war lauter Segen des HERRN in allem, was er hatte, zu Hause und auf dem Felde.

Solcher Segen stellte sich ein, weil Josef treu und sehr gut seine Aufgaben erfüllte. Das geschah nicht einfach automatisch, weil Josef ein Gläubiger war – nein. Josef erfüllte seine Aufgaben recht, und er war selbst in seinem jugendlichen Alter bereits ein sehr geschickter Mann. Aber daran allein lag es auch nicht, sondern wir sehen immer wieder erwähnt, daß der HERR mit ihm war.

Dies erscheint auf den ersten Anblick nicht unbedingt so: Immerhin ist er ein Gefangener in Ägypten, ihm geht es in mancher Hinsicht schlecht, usw. Aber selbst in den schlechten Umständen hält Josef an dem HERRN fest. Seinen Dienst gegenüber seinem irdischen Herrn erfüllt er eigentlich von Herzen als dem HERRN, indem er treu dient, aufrecht ist und das, was er tut, als eine Art Gottesdienst mit Blick auf Gott tut. Josef war dazu äußerst geschickt in verwalterischen Dingen, was sicher auf Dinge in seines Vaters Hause zurückging. Josefs Charakter sehen wir nun auch unter ganz anderen Umständen zur Entfaltung kommen, als er persönlicher Diener im Hause Potifars ist. Er erfüllt seine Aufgaben sehr gut und durch sein Wirken kommt Gottes Segen sogar auf eines Heiden Haus und auf dessen gesamtes Gut.

In Ägypten gab es ein ausgeklügeltes System bei der Feldarbeit; man mußte auf einiges achthaben, um Angebautes auch ernten zu können. Es mußte zur rechten Zeit bewässert werden. Der Nil führte nur zu bestimmten Zeiten das notwendige Wasser, das dann durch Kanäle richtig verteilt werden mußte. Hierbei und auch in anderen Dingen wurde Josefs organisatorisches Talent bald sichtbar. Potifar erkannte schnell, daß er in diesem Diener einen sehr guten Mann in seinem Hause hatte.

1. Mose 39,6:
Darum ließ er alles unter Josefs Händen
[unter seiner Aufsicht], was er hatte, und kümmerte sich, da er ihn hatte, um nichts außer um das, was er aß und trank. …

Aufs Essen und Trinken mußte er achten, weil es Ägyptern nicht gestattet war, mit Fremden, mit den Hebräern, zu essen. Darin wahrte Potifar den entsprechenden Abstand, aber hinsichtlich aller anderen Dinge hatte er absolutes Vertrauen. Für ihn konnte es gar nicht besser laufen.

Dann folgt ein interessanter Einschub in Vorbereitung auf das, was sich dann ereignete.

1. Mose 39,6:
… Und Josef war schön an Gestalt und hübsch von Angesicht.

Solches wird haargenau auch von seiner Mutter gesagt (in 1Mo 29). Die Frauen von Abraham, Isaak und auch Jakob werden als „schön“ beschrieben. Von ihnen wird berichtet, sogar noch im hohen Alter, daß sie sehr schön waren. Josef war schön von Gestalt und hübsch von Angesicht, er war gutaussehend, ein ansehnlicher Mann.

1. Mose 39,7:
Und es begab sich danach, daß seines Herrn Frau ihre Augen auf Josef warf und sprach: Lege dich zu mir!

Auch damals gab es so etwas schon – diese Dame war gepackt von und ganz versessen auf den attraktiven jungen Mann im Hause. Ihre Absichten sind ziemlich eindeutig und stellen natürlich eine gewaltige Versuchung für Josef dar.

1. Mose 39,8 und 9:
Er weigerte sich aber und sprach zu ihr: Siehe, mein Herr kümmert sich, da er mich hat, um nichts, was im Hause ist, und alles, was er hat, das hat er unter meine Hände getan;
er ist in diesem Hause nicht größer als ich, und er hat mir nichts vorenthalten außer dir, weil du seine Frau bist. Wie sollte ich denn nun ein solch großes Übel tun und gegen Gott sündigen?

Josefs Worte und seine Weigerung zeigen auf, daß er nicht Gott und seine „weltliche Aufgabe“ einfach voneinander trennte. Er lebte keine doppelte Moral, an einem Tag „tun und treiben, was wir wollen“, am anderen Tag „betreiben wir Gottesdienst“. Josef hatte sein ganzes Leben stetig auf Gott ausgerichtet. Er sah in einer solchen Sache nicht nur etwas Beiläufiges, was man danach möglichst schnell wieder vergißt; nein, er sah darin ein gegen Gott sündigen. Es ist nicht recht vor Gott, mit der Frau eines anderen eine Affäre zu haben. Das kam absolut nicht in Frage!

Die Dame ließ jedoch nicht locker, in der Hoffnung, daß er irgend wann einmal doch nachgeben würde. Welch großer Versuchung Josef ausgesetzt war! Einerseits vertraute Herr Potifar ihm völlig, hatte ihn über alles gesetzt – und dann gab es Potifars Frau, die diese Situation für ganz andere Dinge nutzen wollte.

1. Mose 39,10 und 11:
Und sie bedrängte Josef mit solchen Worten täglich. Aber er gehorchte ihr nicht, daß er sich zu ihr legte und bei ihr wäre.
Es begab sich eines Tages, daß Josef in das Haus ging, seine Arbeit zu tun, und kein Mensch vom Gesinde des Hauses war dabei.

Schließlich ergab sich eine Situation, wie man sie vom Film her kennt – was würde nun wohl geschehen?

1. Mose 39,12:
Und sie erwischte ihn bei seinem Kleid …

Dieses Mal beließ es die Dame nicht bei Worten, sondern sie wurde handgreiflich.

1. Mose 39,12:
…und sprach: Lege dich zu mir! Aber er ließ das Kleid in ihrer Hand und floh und lief zum Hause hinaus.

Josef blieb standhaft, aber erneut brachte ihn ein Gewand in eine schwierige Situation. Das erste Gewand hatten ihm seine Brüder ausgezogen, als sie ihn loswerden wollten und nach Ägypten verkauften; dieses Gewand führte zu einem ähnlichen Ausgang.

1. Mose 39,13–15:
Als sie nun sah, daß er sein Kleid in ihrer Hand ließ und hinaus entfloh,
rief sie das Gesinde ihres Hauses und sprach zu ihnen: Seht, er hat uns den hebräischen Mann hergebracht, daß der seinen Mutwillen mit uns treibe. Er kam zu mir herein und wollte sich zu mir legen; aber ich rief mit lauter Stimme.
Und als er hörte, daß ich ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh und lief hinaus.

Nun folgte ein sehr typisches Verhalten von seiten der Frau. Zuerst hatte sie ein brennendes Verlangen nach ihm und unternahm alles Erdenkliche vor lauter Liebe, um ihn zu bekommen; aber nun hatte sich das Blatt völlig gewendet. Die Heißglut in ihrem Herzen wandelte sich nun in eine Feuersbrunst und einen Feuersturm gegen das geliebte Objekt.

Voll Haß und Bosheit rief sie einige andere Leute als „Zeugen“ herbei, wobei diese eigentlich als Zeugen gar nicht dienen konnten, weil sie nicht anwesend waren. Und dann bastelte sie ihre Geschichte zusammen über all das Schlimme, was dieser furchtbare hebräische Sklave der lieben, armen und unschuldigen Frau Potifar anzutun geplant hatte. Das Gewand war das verhängnisvolle Beweisstück.

1. Mose 39,16:
Und sie legte sein Kleid neben sich, bis sein Herr heimkam,

Schön verwahren – das gute Stück.

1. Mose 39,17 und 18:
und sagte zu ihm ebendieselben Worte und sprach: Der hebräischen Knecht, den du uns hergebracht hast, kam zu mir herein und wollte seinen Mutwillen mit mir treiben.
Als ich aber ein Geschrei machte und rief, da ließ er sein Kleid bei mir und floh hinaus.

Sie schob auch die Schuld für das ganze Dilemma gleich weiter auf ihren Mann. Und mit der Geschichte brachte sie ihren Potifar in eine schwierige Lage: Zweifelt er an den Worten seiner Frau, stellt er sich und seine Frau vor den andern bloß. Glaubt er ihr, ergeben sich für Josef, seinen so erfolgreichen persönlichen Diener, schlimme Konsequenzen.

1. Mose 39,19:
Als sein Herr die Worte seiner Frau hörte, die sie ihm sagte und sprach: So hat dein Knecht an mir getan, wurde er sehr zornig.

Potifar wurde zornig, er war sehr ungehalten, als er die Rede seiner Frau vernahm – wobei nicht gesagt wird, woran sich sein Zorn wirklich entzündete.

Josef im Gefängnis des Pharao

1. Mose 39,20:
Da nahm ihn sein Herr und legte ihn ins Gefängnis, in dem des Königs Gefangene waren. …

Potifar, als Chef der Leibwache des Pharao, hatte auch leitende Funktionen in dessen Gefängnis. Er wählte eine Strafe für Josef, die eher andeutete, daß er seiner Frau nicht ganz Glauben schenkte. Er hätte Josef eigentlich auch hinrichten lassen können, aber Potifar legte ihn zunächst in das Gefängnis, wo er selbst noch Einfluß nehmen konnte.

1. Mose 39,20:
… Und er lag allda im Gefängnis.

Josef ging es dort nicht gut, wie eine Aussage aus Psalm 105 uns zeigt.

Psalm 105,17–19:
Er sandte einen Mann vor ihnen hin; Josef wurde als Knecht verkauft.
Sie zwangen seine Füße in Fesseln, sein Leib mußte in Eisen liegen,
bis sein Wort eintraf und die Rede des HERRN ihm recht gab.

Obwohl der HERR bei Josef war und ihm alles glückte, erkennen wir, daß dennoch von einem Tag auf den andern, mit einem Schlag, hier durch das üble Wirken von Potifars Frau, Josefs Leben eine drastische Wendung erfuhr und er, der sich doch in allem richtig verhielt, in Fesseln endete. Auch das ist ein gewaltiger Gegensatz zu den Träumen, die der junge Mann nicht lange davor gehabt hatte. Andere würden sich vor ihm verneigen? Nun saß er im Kerker, und niemand war da, um sich zu verneigen.

Und doch sehen wir auch hierin das Wirken des HERRN. Durch Potifars Überlegungen und das, was er tat, gelangt Josef nicht in irgendein Gefängnis, sondern in das des Pharao. Eine Weile später ereigneten sich genau dort entscheidende Dinge. Da war es schon notwendig, daß Josef genau dort war, und nicht irgendwo anders.

1. Mose 39,21–23:
Aber der HERR war mit ihm und neigte die Herzen zu ihm und ließ ihn Gnade finden vor dem Amtmann über das Gefängnis,
so daß er ihm alle Gefangenen im Gefängnis unter seine Hand gab und alles, was dort geschah, durch ihn geschehen mußte.
Der Amtmann über das Gefängnis kümmerte sich um nichts ; denn der HERR war mit Josef, und was er tat, dazu gab der HERR Glück.

Josef war trotz allem nicht von Gott verlassen! Er erhielt auf diese Art und Weise sogar Übung in administrativen Aufgaben. Stetig boten sich Josef Möglichkeiten, die dann später, als er ganz wichtige Aufgaben übernahm, von entscheidender Bedeutung wurden. Josef erwies sich im Kleinen als treu, geschickt, redlich und aufrichtig. Obwohl andere ihm immer wieder Unrecht antaten, ließ er diesen Umstand doch nicht zu einem Fallstrick für sich werden, noch ließ er sich von den Umständen im Gefängnis auf Abwege bringen. Er gab nicht auf, er schottete sich nicht ab und er wurde nicht bitter.

Es ergab sich eine kleine Gelegenheit, und Josef nutzte sie sofort – er blieb sich selbst treu. Er verweigerte keine Hilfestellung und bot an, was er anzubieten hatte. Das wiederum führte dazu, daß er Gnade fand vor dem Amtmann, daß ihm Vieles übertragen wurde und dann alles, was dort geschah, durch ihn geschehen mußte. Hier war es dann nicht anders als bei Potifar, denn alles, was Josef anpackte, gelang ihm.

Bäcker und Mundschenk

1. Mose 40,1–4:
Und es begab sich danach, daß sich der Mundschenk des Königs von Ägypten und der Bäcker versündigten an ihrem Herrn, dem König von Ägypten.
Und der Pharao wurde zornig über seine beiden Kämmerer,gegen den Obersten über die Schenken und gegen den Obersten über die Bäcker,
und ließ sie setzen in des Amtmanns Haus ins Gefängnis, wo Josef gefangen lag.
Und der Amtmann gab ihnen Josef bei, daß er ihnen diente. Und sie saßen etliche Zeit im Gefängnis.

Das Ereignis, von dem nun berichtet wird, spielte sich elf Jahre nach Josefs Ankunft in Ägypten ab. Elf Jahre vergingen, von denen Josef vermutlich die meiste Zeit im Gefängnis verbrachte. Er lag im Gefängnis, ohne daß er es verdient hätte – er war absolut unschuldig. Er hätte schnell an Gott zweifeln können, er hätte all sein Augenmerk darauf richten können, aus dem Gefängnis herauszukommen.

Der Plan Gottes war ein anderer, und Geduld in großem Maße war gefordert von dem jungen Mann, der nun Mitte zwanzig war. Nichts tat sich – jahrelang. Dennoch blieb Josef seinem Gott treu, erfüllte seine Aufgaben gewissenhaft und war zufrieden mit dem, was er hatte. Es gab nichts anderes. Er widmete sich dem Erfüllen dessen, was vor ihm lag und womit er nun zu tun hatte. Er vertraute offensichtlich auf Gott, daß sich auf irgendeine Weise, irgendwann, womöglich genauso plötzlich, wie er ins Gefängnis kam, eventuell auch eine Tür auftun und er dank Gottes Wirken wieder aus dem Gefängnis herauskommen würde. Warum sollte das nicht möglich sein?

Hier lesen wir von zwei anscheinend wichtigen Leuten aus dem Kreise der wichtigen Herrschaften um den Pharao, den König von Ägypten. Die hatten sich an ihrem Herrn „versündigt” bzw. ihn verärgert. Sie endeten in eben diesem Gefängnis, wo ja „die Gefangenen des Königs“ hinkamen.

Sie waren einige Tage in diesem Gefängnis, und der Amtmann wies ihnen aufgrund ihres hohen Ranges einen persönlichen Diener zu. Daß es sich um Josef handelte, erwies sich als außerordentlich bedeutsam.

1. Mose 40,5:
Und es träumte ihnen beiden, dem Schenken und dem Bäcker des Königs von Ägypten, in einer Nacht einem jeden ein eigener Traum, und eines jeden Traum hatte seine Bedeutung.

Wörtlich heißt das: „Es träumte einen Traum jeder.” Es wird betont, daß es sich jeweils um einen wichtigen, um einen bedeutsamen Traum handelte. Wie wir noch sehen werden, waren es gleich in mehrfacher Hinsicht interessante und wichtige Träume.

1. Mose 40,6–8:
Als nun am Morgen Josef zu ihnen hineinkam und sah, daß sie traurig waren,
fragte er sie und sprach: Warum seid ihr heute so traurig?
Sie antworteten: Es hat uns geträumt, und wir haben niemand, der es uns auslege. …

Die zwei waren traurig darüber, daß sie nicht zu einem Traumdeuter gehen konnten, von denen es in Ägypten viele gab. Es sind viele Bücher und Unterlagen über diese Dinge bei Ausgrabungen gefunden worden, und man hatte Leute, die sich auf Astrologie, Traumdeutungen und andere magische Künste verstanden. Die zwei waren sehr traurig, weil sie geträumt hatten, aber nun, weil im Gefängnis, keinen der Traumdeuter aufsuchen konnten. Sie ahnten, daß ihre Träume mit ihnen und einem nahe bevorstehenden Ereignis in Verbindung standen, konnten aber weiter nichts wissen.

Erstaunlich ist nun, daß ihre Traurigkeit Josef nicht einfach gleichgültig war, und er auch nicht aus niederen Motiven sie in ihrer Traurigkeit stecken ließ. Er sagte nicht: „Endlich stecken ein paar andere hier drin, ich bin schon länger im Gefängnis – warum soll ich mich aufregen, nur weil sie heute morgen traurig sind?” Stattdessen bemühte er sich um sie, wie es seine Aufgabe war, und er erfuhr den Grund ihres momentanen Gemütszustandes.

1. Mose 40,8:
… Josef sprach: Auslegen gehört Gott zu; doch erzählt mir’s.

Josef ging diese Sache an, indem er auf Gott verwies. Er stellte nicht sich in den Vordergrund, sondern betonte, daß das Auslegen von Träumen nicht Sache der Traumdeuter in Ägypten, sondern eine Angelegenheit ist, die Gott zusteht. Dann bat er sie, ihm die Träume zu erzählen, offensichtlich, weil er ihnen dann sagen wollte, was Gott als Deutung bereithielt.

1. Mose 40,9–11:
Da erzählte der oberste Schenk seinen Traum und sprach zu Josef: Mir hat geträumt, daß ein Weinstock vor mir wäre,
der hatte drei Reben, und er grünte, wuchs und blühte, und seine Trauben wurden reif.
Und ich hatte den Becher des Pharao in meiner Hand und nahm die Beeren und zerdrückte sie in den Becher und gab den Becher dem Pharao in die Hand.

Dieser Traum ist in gewisser Weise eine ganz natürliche Sache, er hat mit seinem Leben zu tun. Diese Dinge gehörten zu seinem Beruf. Etwas Besonderes ist, daß es nur drei Reben sind und auch, daß er, obwohl er im Gefängnis sitzt, dem Pharao wieder den Becher reicht. Die große Frage ist: „Was hat es mit dem Traum auf sich?“

1. Mose 40,12:
Josef sprach zu ihm: Das ist seine Deutung: …

Zuvor hatte Josef gerade betont, daß Auslegen Gottes Angelegenheit ist, so daß der Mundschenk nun sicher sein kann, nun Gottes Deutung zu erfahren.

1. Mose 40,12 und 13:
… Drei Reben sind drei Tage.
Nach drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich wieder in dein Amt setzen, daß du ihm den Becher in die Hand gebest wie vormals, als du sein Schenk warst.

Wenn man das im Nachhinein liest, kann man leicht sagen, alles sei einleuchtend und ergäbe Sinn. Nur vorher – wer hätte da mit Bestimmtheit sagen können, was die Dinge bedeuten? Niemand, außer Gott.

Dann folgt noch eine kleine Seitenbemerkung.

1. Mose 40,14 und 15:
Aber gedenke meiner, wenn dir’s wohlgeht, und tu Barmherzigkeit an mir, daß du dem Pharao von mir sagst und mich so aus diesem Hause bringst.
Denn ich bin aus dem Lande der Hebräer heimlich gestohlen worden
[entführt worden]; und auch hier hab ich nichts getan, weswegen sie mich hätten ins Gefängnis setzen dürfen.

Josef verlangte keinen Lohn für seine Deutung, sondern bat nur: „Erinnere dich – wenn es dir denn gutgeht, dann tu Barmherzigkeit an mir.” Josef formulierte seine Bitte sehr zurückhaltend, und sein Blick richtete sich wohl nur darauf, aus dem Gefängnis herauszukommen. Keines von den Dingen, die sich später noch ereignen werden, sind hier irgendwo erwähnt. Er wollte aus dem Gefängnis heraus, vielleicht nur, um dann irgendwie nach Hause zu kommen.

Der oberste Bäcker, der zuerst ziemlich stille war, fühlte sich nun von der Deutung ein bißchen ermutigt.

1. Mose 40,16 und 17:
Als der oberste Bäcker sah, daß die Deutung gut war, sprach er zu Josef: Mir hat auch geträumt, ich trüge drei Körbe mit feinem Backwerk auf meinem Haupt
und im obersten Korbe allerlei Gebackenes für den Pharao, und die Vögel fraßen aus dem Korbe auf meinem Haupt.

Der Bäcker träumte ebenfalls etwas, was mit seinem normalen Leben zu tun hatte. Es war ungewöhnlich, daß er gleich drei Körbe auf dem Kopf hatte, und ebenso merkwürdig, daß die Vögel Pharaos Gebackenes fraßen.

1. Mose 40,18 und 19:
Josef antwortete und sprach: Das ist seine Deutung: Drei Körbe sind drei Tage.
Und nach drei Tagen wird der Pharao dein Haupt erheben und dich an den Galgen hängen, und die Vögel werden dein Fleisch von dir fressen.

Drei Reben waren drei Tage, hier sind drei Körbe drei Tage. Wir merken, daß beide von der gleichen Sache geträumt hatten, von irgend etwas, was in drei Tagen geschehen würde.

Josef sagte in beiden Fällen: „Der Pharao wird dein Haupt erheben”. Vielleicht nahm er damit Bezug auf den Brauch, daß alle, wenn sie vor dem Pharao erschienen, sich verneigen mußten. Bevor irgend einer etwas tun konnte, mußte er zunächst aufgefordert werden, „sein Haupt zu erheben”.

Zwei ganz unterschiedliche Ausgänge wird dieses Ereignis, das in drei Tagen sein wird, für die zwei nehmen. Der eine wird wieder in sein Amt eingesetzt, der andere wird hingerichtet und aufgehängt werden.

1. Mose 40,20–22:
Und es geschah am dritten Tage, da beging der Pharao seinen Geburtstag. Und er machte ein Festmahl für alle seine Großen und erhob das Haupt des obersten Schenken und das Haupt des obersten Bäckers unter seinen Großen
und setzte den obersten Schenken wieder in sein Amt, daß er den Becher reiche in des Pharao Hand,
aber den obersten Bäcker ließ er aufhängen, wie ihnen Josef gedeutet hatte.

Es wird klar: Josefs Deutung war ihm von Gott offenbart worden. Sie war haargenau richtig. Nach drei Tagen hatte der Pharao Geburtstag. Vielleicht hatte das die zwei Träume ein wenig angeregt, aber was passieren würde, wußten sie natürlich nicht.

1. Mose 40,23:
Aber der oberste Schenk dachte nicht an Josef, sondern vergaß ihn.

Das mag zwar ganz natürlich sein, aber es ist dennoch niederschmetternd! Warum sollte sich auch einer der obersten Beamten des Pharao an den hebräischen Sklaven erinnern, nachdem er solch ein großartiges Erlebnis hatte und wieder ins Amt eingesetzt ist, wo er jetzt jede Menge zu tun hat und an den Pharao denken muß? Darüber vergißt der Mundschenk den, der ihm die Freudenbotschaft schon drei Tage vorher verkündet hatte.

Hier gab es einen kleinen Hoffnungsschimmer, um aus dem Gefängnis herauszukommen! Josef dachte: „Nach drei Tagen kommt der Mundschenk aus dem Gefängnis, er erzählt dem Pharao, was geschehen ist, und ich werde dann hier herauskommen.” Aber, eine Sache geschah nicht – der gute Mundschenk vergaß, dem Pharao zu erzählen, worum Josef ihn gebeten hatte. Der dritte Tag kam, der vierte Tag, der fünfte Tag, und auch der sechste Tag verging, und nichts passierte. Ein Jahr verging – und nichts passierte. Der Mundschenk war doch beim Pharao – warum tat sich nichts?

Josef hätte leicht nervös werden können, aber so etwas wird nicht berichtet. Es wird nichts gesagt, was während der nächsten zwei Jahre geschieht. Was wir wissen, ist, daß Josef noch immer im Gefängnis ist und offensichtlich genau das weiter tut, was er vorher auch getan hat. Auch ist der HERR weiter mit ihm.

Hinter all dem Vordergründigen und Sichtbaren entfaltet sich ein größerer Plan. Nach zwei Jahren hat nämlich jemand anders einen Traum! Dann wird es von entscheidender Bedeutung sein, daß der Mann, der mit Gottes Hilfe Träume deuten kann, noch im Lande ist.

Oberflächlich gesehen scheint es, als würde die von Gott geschenkte Möglichkeit zur Befreiung aus dem Gefängnis durch den Mundschenk zunichte gemacht, weshalb Josef sehr erregt und ungehalten hätte werden können. Bitterkeit und Ärgernis hätten leicht ihr Spiel treiben können, aber Josef ließ sich dazu eben nicht hinreißen oder bewegen. Josef war zwei weitere Jahre im Gefängnis – unschuldig, ohne daß ihm hätte etwas angehängt werden können. Aber nach diesen zwei Jahren geschieht etwas, was dann all die vorhergehenden Dinge vergessen macht, als dem Pharao träumt und Josef in der Lage ist, die Träume des Pharao zu deuten und mit Gottes Hilfe in die Wege zu leiten, daß schließlich Jakob und alle seine Söhne nach Ägypten kommen werden, wo sie der herrschenden Hungersnot entgehen und sich das Volk, das Gott sich erwählt hat, in relativ kurzer Zeit in wohlbeschützter Umgebung entwickeln und entfalten und gedeihen und wachsen kann.

 

Übersicht Artikel