Vorwort

Zu Beginn dieses Teils 2 und der weiteren Beschäftigung mit unserem Thema „Tägliche Andacht (Beharrliches Gebet)“ will ich kurz auf einige Punkte des zuvor Gesagten zurückkommen, um einiges kurz zu wiederholen und es dann als Sprungbrett für die in diesem Teil behandelten Aspekte zu nutzen.

Ich hatte über mein persönliches Ziel bzgl. einer täglichen Zeit mit Gott in Form von Andacht und Gebet gesprochen, und ich will hier erneut betonen, daß natürlich jeder von uns seine Andacht und sein Gebet bestimmen muß. Mein Ziel ist und bleibt mein Ziel, es ist nicht, was jemand anders sich als Ziel setzen muß.

Unser Gebet und unsere Andacht ist ja jeweils Ausdruck unseres individuellen Verhältnisses und unserer individuellen Beziehung zu unserem himmlischen Vater. Wir können hier nicht quasi „in die Kleider eines andern“ schlüpfen, wir „ziehen unsere Kleider an“ … wir übernehmen die Verantwortung für unsere Andacht und unser Gebetsleben angesichts der so wunderbaren Wahrheit, daß Gott jeweils unser Vater ist und eine Beziehung zwischen ihm und jedem einzelnen von uns besteht. Es geht nicht darum, eines andern Ziel erstreben zu wollen, sondern sein eigenes Ziel zu setzen und die eigene Andacht und das eigene Gebet zur Förderung des eigenen Verhältnisses zu Gott einzusetzen.

Beispiele aus dem Leben eines andern können dabei als Ermutigung dienen, als Hilfestellung beim Ausarbeiten des eigenen Plans, als Trost in Situationen, wo man ohne solches Beispiel vielleicht voreilig sein Vorhaben aufgeben würde.

Ich hatte auch erwähnt, daß mit unsrer Entscheidung zum täglichen oder regelmäßigen Gebet auch schnell ein geistlicher Kampf einsetzt. Davon dürfen wir uns nicht beirren oder gar zum Aufgeben unseres Vorhabens bewegen lassen. Wenn wir uns daran erinnern, warum wir täglich eine Zeit der Andacht und des Gebets zu Gott suchen und wünschen, und wenn wir uns bewußt bleiben, daß gerade das höchste Priorität in unserem Tagesablauf einnimmt, wird es uns nach und nach immer leichter fallen, solchen Angriffen des Satans zu widerstehen und treu die Hinwendung zu unserem himmlischen Vater zu suchen und unseren „täglichen Termin“ bei ihm einzuhalten.

Weiterhin hatte ich angeführt, daß die Einteilung eines größeren Zeitabschnitts in kleinere Einheiten für bestimmte Aspekte des Gebets sehr hilfreich ist. Wie lange diese Einheiten sind, mag von einer Person zum andern variieren, oder auch von einem Tag zum anderen. Es ist überaus wichtig, daß wir flexibel und wach gegenüber dem Wirken Gottes und unseren eigenen Anliegen bleiben. Wir wollen nicht Sklaven eines von uns selbst aufgestellten starren Systems werden, sondern wollen von Herzen und frei Zeit für und Gemeinschaft mit unserem himmlischen Vater, Gott, haben.

Diesem großen Ziel für unseren täglichen Lebenswandel als Kinder Gottes wollen wir verbunden sein … unsere Entscheidung dazu steht unumstößlich fest. Es ist so, als hätten wir wie ein Flugzeug beim Start den Punkt des noch möglichen Startabbruchs überschritten, und es steht uns nur noch eine Möglichkeit offen: Abheben! Unser Herz sollte bzgl. der Entscheidung zur täglichen Andacht so fest sein, daß es kein Anhalten, keinen Abbruch, kein Zurück mehr gibt.

Gottes Thronsaal liegt vor uns, der Zugang zu seinem Thron der Gnade ist offen. Wer will da noch zögern und sich angesichts der offenen Tür und vorliegenden Einladung zur Audienz bei Gott, dem Höchsten, dem allmächtigen Gott, zur Absage seines Termins verleiten lassen? Ach, das wir doch in immer größerem Maße unser großes Privileg erkennen und uns der großen Liebe unseres Gottes immer mehr bewußt werden und erleben, welch große Liebe uns der Vater in Christus erwiesen hat!

Ich hatte einige wichtige Wahrheiten zum Thron der Gnade und unserer Begegnung mit Gott als unserem Vater aufgeführt. Nachdem wir in Gottes Gegenwart eingetreten sind, wollen wir unseren Gott loben und preisen und uns darin dem anschließen, was auch in Wahrheit vor dem Thron Gottes unablässig geschieht.

Gott loben und preisen

Jesus hatte den Jüngern eine Unterweisung bzgl. rechten Betens gegeben, die ich ebenfalls schon im ersten Teil unserer Studie angesprochen hatte — das „Vaterunser“. Nach den einleitenden Worten „Unser Vater im Himmel!“, verweist Jesus als nächstes beim Beten darauf, Gott zu loben und zu preisen.

Matthäus 6,9
…Dein Name werde geheiligt.

Uns obliegt es, Gottes Namen zu „heiligen“. „Heiligen“ bedeutet soviel wie „aussondern“, „als etwas Besonderes behandeln“, „mit Ehrfurcht begegnen“. Ziemlich zu Beginn unserer täglichen Andacht wollen wir uns etwas Zeit nehmen, Gottes Namen zu heiligen, d.h. ihn in besonderer Weise hochachten, ihn bewußt als Objekt unserer Anbetung erkennen, ihn mit unseren Worten ehren und loben.

David spricht ebenfalls von einer solchen Form der Anbetung und Annäherung zu Gott.

Psalm 138,1-2
Ich danke dir von ganzem Herzen, vor den Göttern will ich dir lobsingen.
Ich will anbeten vor deinem heiligen Tempel und deinen Namen preisen für deine Güte und Treue; denn du hast deinen Namen und dein Wort herrlich gemacht über alles.

„Ich will … deinen Namen preisen“ – hier sehen wir, wie David Gottes Namen „heiligt“: Indem er Gottes Namen preist.

Psalm 29,1-2
Bringet dar dem HERRN, ihr Himmlischen, bringet dar dem HERRN Ehre und Stärke!
Bringet dar dem HERRN die Ehre seines Namens, betet an den HERRN in heiligem Schmuck!

Wir denken über Gottes Namen, den Namen des HERRN, nach und bringen Gott „die Ehre seines Namens“ dar mit unseren Worten, mit unserem Lobgesang, aus einem Herzen voller Demut und der Anerkennung der wahren Größe Gottes.

Gott zu preisen, ihn zu loben bzw. ihm Ehre zu erweisen, erinnert daran, daß wir uns als Untergebene dem König nähern. Wenn man vor den König trat, fiel man nieder, kniete nieder und verneigte sich zunächst. Dann ergriff man die ausgestreckte Hand des Königs, um durch einen Handkuß seine Unterwerfung anzuzeigen und so dem König die ihm gebührende Ehrerbietung entgegenzubringen.

Wenn wir im Gebet vor Gott treten, geben wir ihm ebenfalls die seinem Namen gebührende Ehre und erkennen mit dem Lobpreis unserer Lippen seine Gottheit an. Wir erzeigen ihm tiefe Ehrfurcht und geben zu erkennen, daß er unser Gott ist.

Psalm 22,4
Du aber bist heilig, der du thronst über den Lobgesängen Israels

Welch ein herrliches Bild hier beschrieben wird: Gott thront über den Lobgesängen Israels! Israel bringt seinem König Lob und Preis dar, da sie sich vor Gottes Thron versammeln. Auch hier erkennen wird die Verbindung zwischen Gottes Heiligkeit und dem Lobpreis seines Volkes.

Psalm 22,26-27
Dich will ich preisen in der großen Gemeinde, ich will mein Gelübde erfüllen vor denen, die ihn fürchten.
Die Elenden sollen essen, daß sie satt werden; und die nach dem HERRN fragen, werden ihn preisen; euer Herz soll ewiglich leben.

Erneut sehen wir, daß Gott gepriesen wird. Der Psalmist spricht: „Dich WILL ich preisen …“ Gott preisen wollen, darum geht es uns. Wir treten vor Gott und richten unser Augenmerk völlig auf ihn. Ein großer Effekt von Lobpreis ist, daß dadurch unser Blick weg von uns und hin zu Gott gelenkt wird. Wenn wir ihn loben, werden wir nicht an uns denken, sondern wir werden an ihn denken und was er ist.

Psalm 63,3.4
So schaue ich aus nach dir in deinem Heiligtum, wollte gerne sehen deine Macht und Herrlichkeit.
Denn deine Güte ist besser als Leben; meine Lippen preisen dich.

Wonach wollen wir Ausschau halten, wenn wir im Gebet in Gottes Heiligtum eintreten? Wollen wir „GERNE sehen deine [Gottes] Macht und Herrlichkeit“? Das wollen wir auch zu unserem Anliegen und Ziel machen, und wir werden dann auch Gottes große Güte erkennen, was dazu führt, daß wir Gott mit unseren Lippen preisen werden.

In dem Wort „preisen“ bzw. „Lobpreis“ schwingt auch in diesem Kontext noch etymologisch das Wort „Preis“ im Sinne der Festsetzung eines Wertes mit — wenn wir Gott preisen, erkennen wir seinen „Wert“ an und tun kund, wieviel wir von ihm halten. Mögen unsere Lippen allezeit von seiner Güte reden und seinen über alles erhabenen Wert verkünden!

Psalm 35,27-28
Jubeln und freuen sollen sich, die mir gönnen, daß ich recht behalte, und immer sagen: Der HERR sei hoch gelobt, der seinem Knecht so wohl will!
Und meine Zunge soll reden von deiner Gerechtigkeit und dich täglich preisen.

Ein weiterer Grund für Gotteslob wird uns hier genannt: Erkennen, daß Gott recht behält, daß er seinem Knecht Gutes will! Auch hier sehen wir erneut, wie unser Blick auf Gott gerichtet ist

Psalm 54,8
So will ich dir ein Freudenopfer bringen und deinen Namen, HERR, preisen, daß er so tröstlich ist.

Zuvor haben wir gerade über hohes Lob für Gott gelesen, weil er „seinem Knecht so wohl will“; hier nun lesen wir von freudigem Lob und von Gott preisen, weil Gott „so tröstlich ist“. Auch wird hier erneut Gottes Namen direkt mit dem Lobpreis in Verbindung gebracht, denn der Psalmist will den Namen des HERRN preisen, weil sich dieser für ihn als ein großer Trost erwiesen hatte.

Psalm 56,5.11
Ich will Gottes Wort rühmen; auf Gott will ich hoffen und mich nicht fürchten. Was können mir Menschen tun?
Ich will rühmen Gottes Wort; ich will rühmen des HERRN Wort.

Neben dem Rühmen des Namens Gottes, indem wir seinen Namen heiligen und als seinen Namen preisen, können auch wir in Anlehnung an das, was wir in diesem Psalm lesen, das Wort Gottes (das Wort des HERRN) rühmen und preisen.

Während dieser ersten Zeit unserer täglichen Andacht, da wir vor Gott hingetreten sind und ihn loben und preisen für das, was er ist und was er getan hat, ergreifen wir die Gelegenheit, auch das Wort Gottes zu rühmen. Gottes Wort ist für uns von großer Wichtigkeit, denn es tut uns Gottes Willen kund. Mittels seines Wortes wirkt Gott in vielen Situationen unseres Lebens.

Das Wort unseres Gottes ist vollkommen, es ist ein wahres Wort, ein treues Wort, ein mächtiges Wort, wie uns viele Stellen in der Bibel bezeugen. Einige wunderbare Wahrheiten bzgl. des Wortes Gottes werden uns in Psalm 19 mitgeteilt, auf die auch Dick Eastman in seinem Buch “The Hour that Changes the World” hinweist, wenn er davon spricht, das Wort Gottes zu preisen.

Psalm 19,8-11
Das Gesetz des HERRN ist vollkommen und erquickt die Seele. Das Zeugnis des HERRN ist gewiß und macht die Unverständigen weise.
Die Befehle des HERRN sind richtig und erfreuen das Herz. Die Gebote des HERRN sind lauter und erleuchten die Augen.
Die Furcht des HERRN ist rein und bleibt ewiglich. Die Rechte des HERRN sind Wahrheit, allesamt gerecht.
Sie sind köstlicher als Gold und viel feines Gold, sie sind süßer als Honig und Honigseim.

Allein diese wenigen Verse zeigen uns lobenswerte Qualitäten des Wortes Gottes, und sie sollten uns Ansporn und Inspiration sein, Gottes Wort auch mit unseren Lippen preisen und rühmen zu wollen. Wir können uns ein wenig Zeit nehmen und über das Wort Gottes nachdenken und Gott für sein wunderbares Wort preisen, das er ja zusammen mit seinem Namen über alles herrlich gemacht hat (vgl. Psalm 138,2).

Eng verbunden mit Lobpreis ist Dank, auch wenn Danksagung eine eigenständige Rolle in unserer täglichen Andacht innehat, auf die ich später noch eingehen werde.

Psalm 50,23
Wer Dank opfert, der preiset mich, und da ist der Weg, daß ich ihm zeige das Heil Gottes.«

Dank opfern wird mit Gott preisen gleichgesetzt. In einigen der von mir erwähnten Bücher treffen die Autoren eine bemerkenswerten Unterscheidung zwischen „Lob“ bzw. „Preis“ und „Danksagung“: Lob und Preis werden Gott dargebracht angesichts dessen, wer und was Gott ist; Danksagung wird Gott dargebracht angesichts dessen, was Gott für uns getan hat. Dies trifft schon zu, und daher komme ich hier im Zusammenhang mit Lobpreis nur kurz auf Dank zu sprechen, und will Danksagung als Teil unsrer täglichen Andacht später nochmals aufgreifen.

Gott danken ist Teil unseres Lobpreises, wenn wir uns im Gebet ihm zugewandt haben. Wir preisen ihn mit solchem Dank, und wir sollten uns dies auch ein wenig bewußter machen, wenn wir im täglichen Leben einmal in eine Situation kommen, wo wir Gott so danken und ihn preisen können. Möge uns dann eben nicht nur ein zögerliches und fast gehauchtes „Gott sei Dank!“ oder „Gelobt sei Gott!“ über die Lippen kommen, sondern ein bestimmtes und überzeugtes und hörbares „GOTT SEI DANK!“

Psalm 145,1-7
Ich will dich erheben, mein Gott, du König, und deinen Namen loben immer und ewiglich.
Ich will dich täglich loben und deinen Namen rühmen immer und ewiglich.
Der HERR ist groß und sehr zu loben, und seine Größe ist unausforschlich.
Kindeskinder werden deine Werke preisen und deine gewaltigen Taten verkündigen.
Sie sollen reden von deiner hohen, herrlichen Pracht und deinen Wundern nachsinnen;
sie sollen reden von deinen mächtigen Taten und erzählen von deiner Herrlichkeit;
sie sollen preisen deine große Güte und deine Gerechtigkeit rühmen.

Auch in diesem wunderbaren Psalm lesen wir davon, daß durch unser Lob Gott erhoben wird, daß seinem Namen Ehre gebracht wird. Gott ist ein so großer wunderbarer Gott, daß unser Lob gar nicht ausreichen kann, ihn genügend und adequat zu preisen für das, was er ist und was er tut. Von Generation zu Generation soll sich das Lob Gottes fortsetzen!

Ach, das wir dahin gelangen, in unserem Leben die Zeit einer täglichen Andacht einzurichten, während der wir ihn von ganzem Herzen loben und preisen können!

Warten auf den HERRN

Ein wenig im Gegensatz zu Lobpreis, und doch nicht unbedingt davon getrennt, ist ein anderer wichtiger Aspekt der täglichen Andacht zu sehen: Auf Gott warten. Gerade dieser Teil des Gebets und der Andacht ist von großer Bedeutung, und wir müssen in unserem Leben unbedingt erreichen, daß wir lernen, vor Gott stille zu sein und auf ihn zu warten.

Wie ich schon zuvor erwähnte, ist unser Gebet und unsere Andacht ja Teil und Ausdruck unseres Verhältnisses bzw. unserer Beziehung zu Gott. Es ist nicht ein „mechanisch“ einzusetzendes Werkzeug, um irgend etwas mittels bestehender Prinzipien oder Gesetze zur Befriedigung unserer eigenen Bedürfnisses aus Gott heraus zu holen. Die Zeit des Gebets ist unsere Zeit, in der wir ganz bewußt mit IHM zusammen sein wollen, in seiner Gegenwart sein wollen, ihn ehren und anbeten wollen, ihm uns betreffende Anliegen vorbringen wollen. Das Hauptgewicht liegt auf unserer Beziehung zu unserm himmlischen Vater, unsrer Gemeinschaft mit ihm.

Psalm 46,11
Seid stille und erkennet, daß ich Gott bin! Ich will der Höchste sein unter den Heiden, der Höchste auf Erden.

„Seid stille und erkennet, daß ich Gott bin!“ Wenn wir nicht stille sind, werden wir nicht erkennen, daß er Gott ist. Wenn wir erkennen wollen, daß er Gott ist, bleibt nur ein Weg: Wir müssen stille werden! Dabei geht es nicht so sehr darum, einen stillen Ort zu finden, wo es stille um uns herum ist (was sicherlich hilfreich sein wird), sondern wir lesen davon, daß WIR stille sein sollen. Einer der wichtigen Schlüssel zu einem erfüllten und erfüllenden Gebet ist das Erlangen und Bewahren inneren Friedens, innerer Ruhe, stille zu werden.

In dem Buch Creative Prayer von Brigid E. Herman (1876-1923) kommt die Autorin in besonderer Weise auf dieses Element des Gebets zu sprechen und schildert in eindrucksvollen Worten, welche Bedeutung für unsere Beziehung zu Gott der Stille zukommt. Stille ist dabei nicht ein esoterisches oder mystisches Werkzeug, ähnlich einer Trance, sondern die Stille ist der notwendige Hintergrund und fruchtbare Boden für das erfolgreiche Wachstum unserer Beziehung zu Gott. Stille zu werden, erfordert Disziplin und einen wachen Sinn, und in der Stille können wir das Ziel erreichen: Erkennen, daß er Gott ist.

In der heutigen Zeit ist „warten“ ein Begriff, der bei den meisten Menschen nicht sonderlich beliebt ist. „Warten“ will keiner mehr … alles muß vielmehr jetzt und sofort und nach Möglichkeit genau so, wie wir es uns ausgedacht haben, geschehen. „Warten“ macht so manchen noch viel unruhiger, als er sowieso schon in der Hetze des alltäglichen Geschäfts war, bevor die Notwendigkeit zu warten, den gewohnten Rhythmus unterbrach. Man hat plötzlich nichts mehr zu tun und scheint nicht mehr der zu sein, der bestimmt, was läuft, was ein ungutes Gefühl hervorruft.

Weiterhin bringt „Warten“ einen plötzlich zu einem „Stillstand“, und vielen Menschen heute fällt es sehr schwer, mit einer solchen Stille zurecht zu kommen. Dabei ist gerade Stille ein wahrhaft mächtiges Heilmittel für uns in vielen Belangen. Meine Oma setzte Stille noch als ein solches Heilmittel für ein, wenn es galt die Gemüter von uns Kindern wieder ins Lot zu bringen. Es brauchte meist nicht sehr lange, und die Stille half uns zu bewältigen und zu verarbeiten, was uns zuvor „Unheil“ beschert hatte.

Uns fällt es heute meist sehr schwer bzw. es ist uns manchmal fast unmöglich, stille zu werden, wenn wir beginnen, unser Ziel einer täglichen Andacht und des Gebets in die Tat umzusetzen. In dem Augenblick, da wir den Lärm um uns herum endlich zurücklassen und einen Ort gefunden haben, wo uns von außen möglichst keine störenden Geräusche zu Ohr kommen, entdecken wir, wie „laut“ es noch immer um uns herum ist: Das Knacken des Heizungsrohrs, das Ticken einer Uhr, das Zwitschern eines Vogels vorm Fenster, das vorbeifahrende Auto vor der Haustür, usw. – was einem zuvor gar nicht auffiel, ist nun erstaunlicherweise laut zu hören und beschäftigt unsere Ohren.

Haben wir es dann geschafft, uns nicht mehr von diesen Geräuschen ablenken zu lassen, entdecken wir meist recht schnell eine noch weit hartnäckigere Lärmquelle — das, was in uns vorgeht: unser Gemüt, unser Sinn, unser Herz, unsere Seele. Gedanken zu unterschiedlichsten Personen und Dingen tauchen in unserem Sinn mit einer ungeahnten Lautstärke auf, oft völlig irrelevantes Zeug, absurde Ideen und Gedanken, die unsere Seele belagern und einnehmen wollen. Andere Gedanken über irgend welche Sachen gesellen sich hinzu und geben sich eine Bedeutung, die sie nie zuvor hatten … und solches macht es sehr schwer, stille zu werden.

Wenn wir dann endlich solches überwunden haben und einigermaßen „stille“ geworden sind, gehen wir leider oft ins Tagträumen über, oder aber wir entwickeln eine Erwartungshaltung auf irgend etwas, was dann doch nie eintritt. Resultat ist eher Frustration und Enttäuschung, daß es uns nicht gelingen will, endlich stille zu werden. Schon Brigid E. Herman schrieb vor fast 100 Jahren in ihrem Buch über solche enttäuschenden Erlebnisse und Erfahrungen, und sie legt dar, was (bereits damals!) ihrer Meinung nach eine wesentliche Ursache war: Man kann nicht während einer Stunde etwas tun und beherrschen, wenn man den Rest seiner Zeit das Gegenteil davon tut! Mit anderen Worten, unser gesamtes Leben muß in eine Richtung gebracht und so verändert werden, daß „stille sein“ nicht so etwas völlig Außergewöhnliches und Ungewohntes für uns ist.

Für die Menschen, die uns als weise und gottesfürchtige Männer und Frauen Gottes bekannt sind, war das gesamte Leben geprägt von einer Lebensweise, in der Stille immer Vorrang vor Lärm hatte. B. Herman schreibt: „Deren Tage waren Tage der Stille, unterbrochen von erholsamen Abschnitten mit Unterhaltung; unsere Tage dagegen sind eine Wüste voller Reden, mit nur wenigen einsamen Oasen der Stille.“

Wie wahr das auch (vielleicht sogar in noch viel größerem Maße) heute ist. Wie viele halten es nicht in einem ruhigen und stillen Zimmer aus, und schalten deswegen sofort den Fernseher ein, auch wenn sie gar nicht an der laufenden Sendung interessiert sind. Man setzt sich ins Auto, und noch bevor der Sitzgurt festgezurrt wird, hat man bereits das Radio eingeschaltet und irgendeine Dauermusik berieselt einen … warum? Es wird geredet und geredet und … oftmals nicht viel dabei gesagt — auch da lediglich ein Vermeiden der Stille.

Wir müssen uns generell bemühen, weniger zu reden und mehr stille zu sein. Statt fortwährend laute und lärmende Ablenkung zu suchen, wollen wir eher Ruhe suchen, Stille suchen, und in der Stille warten lernen. Dann wird auch die Zeit unsrer Hinwendung zu Gott viel erfreulicher sein, da wir eine ganz wichtige Voraussetzung mitbringen, die für Andacht und Gebet absolut notwendig ist: Wir sind in der Lage, stille zu sein und auf Gott zu warten.

Psalm 62,2
Meine Seele ist stille zu Gott, der mir hilft.

Auch hier wird deutlich, daß es um die innere Einstellung, unseren inneren Zustand, geht. „Meine Seele ist [ich bin] stille zu Gott!“

Wenn wir uns Gottes bewußt sind, daß er unser himmlischer Vater ist und das Beste für uns will, daß er verläßlich und treu, allmächtig und allwissend ist, dann sollten wir auch leichter dahin kommen, daß wir einfach stille zu ihm sind.

Wie oft stürmen Kinder in den Thronsaal Gottes und fangen einfach an, fast wahllos drauf los zu reden und dabei nicht einen Gedanken wirklich an Gott zu verwenden, weil sie die ganze Zeit über zu sehr mit sich selbst beschäftigt sind. Mit Andacht und wirklichem Gebet hat so etwas nichts zu tun, es ist vielleicht ein „Gott die Ohren voll reden“ oder vielleicht auch nur ein „Monolog“, ein Selbstgespräch, da Gott in keiner Weise beteiligt ist. Solches müssen wir vermeiden. Genau dazu hilft die Zeit der Stille und des Wartens auf Gott.

Ich als Vater mag es auch nicht, daß meine Kinder ins Zimmer gestürmt kommen und ohne jegliche Rücksichtnahme mir dann ihren Kram „an den Kopf werfen“ … was soll das, bitte?! Es ist wesentlich besser für unsere Beziehung, wenn sie anklopfen, mal stille schauen, ob ich vielleicht nicht gerade mit einer anderen Sache beschäftigt bin, sich dann still hinsetzen und warten, bis ich auf sie eingehen kann. Im stillen Abwarten wird Liebe für den andern erkennbar, Ehrerbietung und Anerkennung; beim lärmenden Hineinstürmen und unaufgeforderten Losreden dagegen Egoismus in hohen Graden und keine Liebe.

So verhält es sich auch zwischen Gott und uns. Stille auf ihn warten und seiner harren ist Ausdruck unserer Liebe für ihn.

Psalm 104,27
Es warten alle auf dich, daß du ihnen Speise gebest zur rechten Zeit.

Psalm 145,16-17
Aller Augen warten auf dich, und du gibst ihnen ihre Speise zur rechten Zeit.
Du tust deine Hand auf und sättigst alles, was lebt, nach deinem Wohlgefallen.

Wie hier sehr schön ersichtlich wird, gibt Gott zu seiner Zeit. Seine Zeit ist auch die rechte Zeit. Uns Menschen bleibt, auf ihn zu warten und während dieser Zeit ihn stille zu verehren, anzubeten, ihm zu danken für seine Treue und Güte.

Psalm 130,5.6
Ich harre des HERRN, meine Seele harret, und ich hoffe auf sein Wort.
Meine Seele wartet auf den Herrn mehr als die Wächter auf den Morgen; mehr als die Wächter auf den Morgen

Luther übersetzte hier ein wenig anders: »Meine Seele wartet auf den Herrn von einer Morgenwache bis zur andern.« Ganz gleich, welcher Übersetzung man nun den Vorzug geben will, eins ist klar ersichtlich: die Notwendigkeit und die Bedeutung der Einstellung des Wartens. Wir sollen dabei das Warten nicht als Zeitvergeudung betrachten, wie es heutzutage sicherlich von vielen Menschen getan wird. Nein, das Warten hat einen ganz wichtigen Sinn, es erfüllt einen wichtigen Zweck, wie der Vergleich mit den Wächtern bzw. der Morgenwache zeigt.

Ein Wächter muß stille sein, ansonsten kann er nicht sehr gut wachen. Innerlich ruhig und konzentriert achtet er auf das, was vor ihm liegt. Ist er innerlich aufgewühlt, oder auch nur äußerlich abgelenkt, so ist die Wirksamkeit seines Wartens und Wachens gefährdet.

Wir wollen uns bemühen, in Erkenntnis der großen Wichtigkeit dieser Zeiten der Stille auch während unserer Andacht und unseres Gebets, nicht zu versäumen, immer wieder innezuhalten und unseren Blick auf Gott zu richten, wachsam zu schauen, was er denn tut oder uns mitteilen möchte.

Psalm 25,5
Leite mich in deiner Wahrheit und lehre mich! Denn du bist der Gott, der mir hilft; täglich harre ich auf dich.

Wir sehen hier, daß es nicht ratsam ist, nur „alle Schaltjahr einmal“ auf Gott zu harren, vielmehr gibt uns der Psalmist ein tägliches Harren auf Gott als nachahmenswertes Beispiel.

Psalm 38,16
Aber ich harre, HERR, auf dich; du, Herr, mein Gott, wirst erhören.

Wir können stille sein und ohne Unfrieden auf Gott harren aufgrund der Gewißheit, die hier erwähnt wird, daß Gott erhören wird! Es besteht kein Grund zur Aufregung.

Psalm 42,6
Was betrübst du dich, meine Seele, und bist so unruhig in mir? Harre auf Gott; denn ich werde ihm noch danken, daß er meines Angesichts Hilfe und mein Gott ist.

Wie wir hier lesen können, wird es immer wieder auch Situationen geben, wo wir unruhig im Innern sind. Solches war auch dem Psalmisten bekannt. Diese innere Unruhe überwinden ist möglich, indem wir auf Gott warten, seiner harren, und wir dann angesichts der Aussicht auf die Erhörung unserer Bitten und seiner Antwort auf unser Lob und unseren Preis innerlich stille werden vor ihm.

Abschluß

Ich bete, daß sich diese Studie, auch wenn sie vielleicht ein wenig kurz gefaßt und in manchen Belangen sicher ein wenig „unausgegoren“ ist, sich als eine segensreiche Anregung und Ermutigung zu einer täglichen Andacht und beharrlichem Gebet für viele Leser erweisen möge.

Bislang habe ich im Teil 1 dieser kleinen Serie ein paar wichtige Punkte und Überlegungen zum Sinn und Zweck und der Motivation für eine tägliche Zeit der Andacht und des Gebets dargelegt, auch einige der allgemein vorhandenen und immer wieder uns begegnenden Schwierigkeiten bei einem solchen Vorhaben angesprochen und Schritte zur Überwindung solcher Widrigkeiten erwähnt.

Dazu kam dann eine etwas ausführlichere Darstellung dessen, was ich als Abschnitt oder Zeit der Einstimmung bei jeder Andacht bezeichnen würde. Ich erwähnte, wie ich in meinem Leben anhand des uns von Jesus gegebenen Musters aus dem „Vaterunser“ mir eine solche Zeit „des Eintretens in den Thronsaal Gottes und des Erscheinens vor Gottes Thron der Gnade“ einrichte.

In diesem Teil 2 ging es mir dann vor allem darum, nochmals kurz einige wichtige allgemeine Punkte einzuflechten, ansonsten aber auf zwei wichtige Elemente einer erfolgreichen und wahrhaftigen Andacht einzugehen: (1) eine Zeit fürs „Gott loben und preisen“, und (2) eine Zeit fürs „Warten auf den HERRN“.

All diese Komponenten wirken zusammen und bilden nach und nach ein großes Ganzes in unsrer Andacht, während der wir in einer besonderen Weise mit Gott Gemeinschaft haben wollen — nicht so sehr aus egoistischen Motiven heraus, weil wir dies oder jenes gerne hätten oder wir uns etwas davon versprechen, sondern aus Motiven der Liebe zu Gott als unserem Vater und unsrer Hingabe an ihn heraus, um ihn zu ehren, ihn zu loben, ihm unsere Ehrerbietung zu erweisen, ihn zu preisen, ihm zu danken (obwohl wir natürlich ihm auch unsere Anliegen vortragen und für andere vor ihm eintreten sollen).

In der nächsten Folge dieser Serie werden dann zwei weitere Aspekte zu Andacht im Mittelpunkt meiner Betrachtungen stehen: Sündenbekenntnis und das Beten anhand des Wortes Gottes (Beten unter Zuhilfenahme der heiligen Schrift).

Epheser 3,20.21
Dem aber, der überschwenglich tun kann über alles hinaus, was wir bitten oder verstehen, nach der Kraft, die in uns wirkt,
dem sei Ehre in der Gemeinde und in Christus Jesus zu aller Zeit, von Ewigkeit zu Ewigkeit! Amen.

 

Lesen Sie die Fortsetzung dieser Serie Tägliche Andacht - Teil 3.

 

Übersicht Artikel