Anmerkung: Bei dieser Studie handelt es sich um den Abdruck des 1. Kapitels aus dem Buch Betet ohne Unterlaß von C.H. Spurgeon, erschienen im Oncken Verlag. Der Abdruck geschieht mit freundlicher Genehmigung des Oncken Verlags.

»In allen Dingen lasset eure Bitte im Gebet mit Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden.« Philipper 4,6

Nach diesem Text sollen wir sowohl durch Gebet als auch durch Flehen unsere Bitte vor Gott kund werden lassen. Das bedeutet wohl: Wir sollen das allgemeine Gebet darbringen, das allen Heiligen gemeinsam ist, und wir sollen dazu unsere besonderen und bestimmten Bitten fügen. Wir sollen Gott verehren im Gebet, denn Gott soll von all seinen Heiligen angebetet werden, und dann sollen wir um seine Gabe nachsuchen, mit den Worten unseres Textes: unsere Bitte im Flehen vor Gott kund werden lassen.

Vergeßt nicht diese zweite Form! Es gibt sehr viel Verallgemeinerung im Gebet, und Gott verhüte, daß wir ein Wort dagegen sagen sollten, soweit es aufrichtige Gottesverehrung ist; aber wir brauchen mehr bestimmte, ins einzelne gehende Bitten vor Gott, ihn um dies oder das zu ersuchen mit einer klaren Erkenntnis dessen, um das wir bitten. Man hört Gebete in den Betstunden, in welchen alles im Allgemeinen erbeten wird, aber nichts im Besonderen, und doch wird die Wirklichkeit und Herzlichkeit des Gebets oft am besten kund durch das Bitten um bestimmte Segnungen. Seht, wie Abraham, wenn er den Herrn verehrte, ihn nicht nur anbetete und ihn allgemein bat, seine Herrlichkeit zu zeigen, sondern bei einer Gelegenheit flehte er um den verheißenen Erben, ein andermal rief er: »Oh, daß Israel leben möchte von dir!« und bei anderer Gelegenheit tat er Fürbitte für Sodom. Elia betete auf dem Gipfel des Karmel nicht um alle Segnungen der Vorsehung im Allgemeinen, sondern um Regen, um Regen dort und dann. Er wußte, worauf es ankam, blieb bei der Sache und siegte.

Meine Freunde, wir haben viele Bedürfnisse, die drückend genug sind, um sehr bestimmt und genau begrenzt zu sein, und wir sollten gerade so viele klar bestimmte Bitten haben, die wir Gott darbringen, und sind verpflichtet, den göttlichen Antworten darauf mit eifriger Erwartung entgegenzusehen, so daß wir, wenn wir sie empfangen, den Herrn erheben mögen.

Der Punkt, auf den ich eure Aufmerksamkeit lenken will, ist: Ob es das allgemeine Gebet oder die besondere Bitte ist, wir sollen jedes oder beides »mit Danksagung« darbringen. Da wir ohne Unterlaß beten und nicht ohne Danksagung beten sollen, so ist es klar, daß wir stets bereit sein müssen, dem Herrn Dank zu sagen. Wir müssen mit dem Psalmisten sprechen: »Ich will dich loben mein Leben lang und meine Hände in deinem Namen aufheben.« Der beständige Grundton und Geist unseres Lebens sollte anbetende Dankbarkeit, Liebe, Ehrfurcht und Lobpreisung des Höchsten sein.

Auch wenn das Gebet sich aus der Tiefe hervorringen sollte, müßten doch seine Flügel mit Danksagung versilbert sein. Ob das Gebet auch an der Schwelle des Todes getan würde, sollten doch in den letzten wenigen Worten, welche die zitternden Lippen hervorbringen können, Töne der Dankbarkeit in dem Worte der Bitte sein. Das Gesetz sagt: »In all deinen Opfern sollst du Salz opfern«; und das Evangelium sagt: »In all deinen Gebeten sollst du Lob opfern.« »Alles zu seiner Zeit«, heißt ein weises Sprichwort; aber diesmal muß ich wagen, ihm zu widersprechen, und sagen, daß zwei Dinge zur gleichen Zeit besser sind, nämlich wenn diese zwei Bitte und Dank sind.

Diese beiden heiligen Ströme fließen aus einer gemeinsamen Quelle, dem Geist des Lebens, der in uns wohnt, und es sind Äußerungen derselben heiligen Gemeinschaft mit Gott. Es ist daher recht, daß sie sich im Dahinfließen vermischen und in der gleichen heiligen Übung Ausdruck finden. Bitten und Danken gehen so natürlich ineinander über, daß es schwer sein würde, sie auseinander zu halten; verwandten Farben gleich spielt das eine ins andere hinüber.

Es gibt einen Ausruf, der sicherlich Bitte ist, aber als Lobpreis gebraucht wird und wirklich beides ist. Ich meine jenes freudenvolle hebräische Wort, das in alle christlichen Sprachen übergegangen ist: »Hosianna.« Ist es Gebet? Ja: »Gib Heil, Herr.« Ist es nicht Lobpreis? Ja, denn es ist gleichbedeutend mit: »Heil sei dir«, und wird gebraucht, den Sohn Davids zu erheben. So lange wir hier auf Erden sind, sollten wir nie versuchen, einen Unterschied zwischen Gebet und Lobpreis zu machen: daß wir preisen, ohne zu beten, oder beten, ohne zu preisen. Da gab es im Alten Bund das heilige Rauchwerk der Stiftshütte, den Rauch des Gebets, welcher das Heiligtum erfüllte, aber damit verbunden war der liebliche Duft ausgewählter Gewürze, die mit dem Lobpreis verglichen werden können. Gebet und Lobpreis sind wie die zwei Cherubim auf der Bundeslade, sie dürfen nie getrennt werden.

In dem Muster des Gebets, das unser Heiland uns gegeben hat, indem er sprach: »Darum sollt ihr also beten«, ist der Anfang mehr Lobpreis als Gebet: »Unser Vater, der du bist im Himmel, geheiligt werde dein Name«, und der Schluß ist Lobpreis: »denn dein ist das Reich und die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen.« David, der große Lehrer und das Vorbild der Kirche in ihrer Gottesverehrung, zugleich ihr Dichter und ihr Prediger, sorgt fast in jedem Psalm dafür, auch wenn das Flehen angstvoll ist, auserlesenen Lobpreis damit zu verbinden. Nehmt z.B. jenen Psalm nach seiner großen Sünde mit Bathseba. Da, möchte man denken, bei so vielen Seufzern, Stöhnen und Tränen hätte er fast vergessen oder sich gefürchtet, Dank darzubringen, während er unter dem Eindruck des Zorns zitterte; und doch, ehe der Psalm mit dem Beginn »Gott, sei mir gnädig« zum Schlusse kommen kann, sagt der Psalmist: »Herr, tue meine Lippen auf, daß mein Mund deinen Ruhm verkündige«, und er kann nicht das letzte Wort schreiben, ohne den Herrn zu bitten, die Mauern Jerusalems zu bauen, und das Versprechen hinzuzufügen: »Dann werden dir gefallen rechte Opfer, Brandopfer und Ganzopfer; dann wird man Stiere auf deinem Altar opfern.«

Ich brauche mich nicht dabei aufzuhalten, andere Beispiele anzuführen, aber es ist fast immer der Fall, daß David sich bei dem Feuer des Gebets ins Lobpreisen hinein wärmt. Er beginnt niedrig, mit manchem gebrochenen Klageton, aber er steigt auf und glüht und singt gleich der Lerche, indem sie sich emporschwingt. Wenn seine Harfe zuerst noch verhüllt ist, so schlägt er einige traurige Töne an und wird erregt, bis er seine Hand nicht mehr von jener wohlbekannten und gewohnten Saite zurückzuhalten vermag, die er den Tönen des Preises allein vorbehält.

Es gibt eine Stelle im 18. Psalm, die denselben Gedanken enthält: »Ich rufe an den Herrn, der würdig ist, gepriesen zu werden: so werde ich von meinen Feinden errettet.« Er beschreibt seinen Zustand so: »Des Todes Bande umfingen mich und die Bäche Belials erschreckten mich. Der Hölle Bande umfingen mich und des Todes Stricke überwältigten mich.« Von großer Not getrieben, will er den Herr anrufen, d. h. bitten; aber er betrachtet seinen Gott nicht allein als den, der um etwas gebeten wird, sondern als einen, der gepriesen werden soll. »Ich will den Herrn anrufen, der würdig ist, geprießen zu werden«; und dann, als wenn ihm eingegeben wäre, uns zu belehren, daß die Verbindung des Dankes mit dem Gebet dieses unfehlbar wirksam mache, wie ich euch das auch zu zeigen haben werde, fügt er hinzu: »So werde ich von meinen Feinden errettet.«

Wenn diese Gewohnheit, Danksagung mit Bitten zu vereinen, bei alttestamentlichen Heiligen sich findet, so haben wir ein Recht, sie noch mehr bei neutestamnt1ichen Gläubigen zu erwarten, die im hellen Licht neue Gründe zum Dank erblicken. Aber ich will euch kein Beispiel geben als das des Apostels Paulus. Beachtet, wie häufig er seine Briefe mit einer Mischung von Bitte und Dank beginnt.

Schlagt den Römerbrief auf und seht im ersten Kapitel in den Versen 8 und 9 diese Mischung der kostbaren Metalle: »Aufs erste danke ich meinem Gott durch Jesum Christ euer aller halben, daß man von eurem Glauben in aller Welt sagt. Denn Gott ist mein Zeuge, welchem ich diene in meinem Geist am Evangelium von seinem Sohn, daß ich ohne Unterlaß euer gedenke in meinem Gebet.«

Da steht: »Ich danke meinem Gott«, und: »Ich gedenke euer ohne Unterlaß in meinem Gebet.« Es war dem Paulus natürlich, Gott zu danken, wenn er betete.

Lest Kolosser 1,3: »Wir danken Gott und dem Vater unsers Herrn Jesu Christi, und beten allezeit für euch.«

Ebenso 2. Thessalonicher 1,2: »Wir danken Gott allezeit für euch alle und gedenken euer in unserm Gebet ohne Unterlaß.«

Lest auch 2. Timotheus 1,3: »Ich danke Gott, dem ich diene von meinen Voreltern her in reinem Gewissen, daß ich ohne Unterlaß deiner gedenke in meinem Gebet Tag und Nacht.«

Und wenn es in anderen Episteln so ist, wundern wir durchaus uns nicht, es so in dem Philipperbrief selbst zu finden, Kapitel 1, Vers 3 und 4: »Ich danke meinem Gott, so oft ich euer gedenke, allezeit in allem meinen Gebet für euch alle und tue das Gebet mit Freuden.« Ich brauche mich gar nicht auf die Sprache der Briefe Pauli zu beschränken: In Philippi selbst (und die, an welche er schrieb, müssen den Vorfall gekannt haben) beten Paulus und Silas um Mitternacht und lobten, so daß die Gefangenen sie hörten. Es ist klar, daß Paulus beständig tat, was er hier dringend empfiehlt. Seine eigenen Gebete wurden nicht ohne Danksagung dargebracht; was Gott zusammengefügt hatte, das schied er niemals.

Dies als Einleitung vorab fordere ich euch nun auf, sorgsam und mit Gebet zu betrachten: 1. die Gründe für die Danksagung im Gebet; 2. die üblen Folgen ihres Fehlens und 3. das Resultat ihres Vorhandenseins.

1. Gründe für die Danksagung

Es gibt Gründe für das Verbinden der Danksagung mit dem Gebet. Wir haben reichlich Ursache, allezeit Dank zu sagen. Wir kommen nicht zu Gott im Gebet, als hätte er uns ganz und gar ohne einen Pfennig gelassen, und als schrien wir wie verhungernde Gefangene durch die Kerkergitter hindurch zu ihm. Wir bitten nicht, als wenn wir noch nie einen Pfennig von Gott erhalten hätten und kaum dächten, daß wir jetzt etwas empfangen würden; sondern im Gegenteil: Da wir schon unermeßlich viele Gnaden erhalten, so kommen wir zu einem Gott, der reich an Freundlichkeit ist, der willig ist, uns gute Gaben zu verleihen, und darauf wartet, gnädig zu sein. Wir kommen nicht zum Herrn wie Sklaven zu einem gefühllosen Tyrannen, um eine Wohltat bettelnd, sondern wie Kinder, die sich einem liebenden Vater nahen in der Erwartung, reichlich von seiner freigebigen Hand zu empfangen. Dankbarkeit ist deshalb die rechte Stimmung, in der wir vor den Gott kommen sollten, der uns täglich mit Wohltaten überhäuft. Überlegt eine Weile, was für Ursache ihr zum Danken im Gebet habt.

Zuerst: daß Gebet überhaupt möglich ist, daß ein endliches Geschöpf mit dem unendlichen Schöpfer zu sprechen vermag, daß ein sündiges Wesen bei dem dreimal heiligen Gott Gehör finden kann. Es ist der Danksagung wert, daß Gott das Gebet befohlen hat und uns ermutigt, ihm zu nahen; und daß er überdies alles bereitet hat, was zu dieser heiligen Übung nötig ist. Er hat »Christus Jesus für den Glauben hingestellt in seinem Blut als Sühnopfer« (Römer 3,25), hat einen Hohenpriester gegeben, der immerdar lebt und für uns bittet (Hebräer 7,25); und dazu den Heiligen Geist, der unserer Schwachheit aufhilft und uns lehrt, zu beten, wie es sich gebührt (Römer 8,26).

Alles ist bereit, und Gott wartet nur darauf, daß wir es von seiner Hand erbitten sollen.

Er hat nicht nur uns eine Tür aufgetan und uns eingeladen, hineinzugehen, sondern hat uns den rechten Geist gegeben, womit wir uns nahen sollen. Die Gnade des Gebets ist auf uns ausgegossen und in uns durch den Heiligen Geist gewirkt. Was für ein Segen ist es, daß wir nicht aufs Geratewohl das Gebet versuchen, als wenn wir ein zweifelhaftes Experiment machten, und daß wir auch nicht hoffnungslos vor Gott kommen, in verzweifelnder Furcht, daß er nicht auf unsern Ruf hören will; sondern daß er das Gebet als den üblichen Verkehr zwischen Himmel und Erde verordnet und dies in der feierlichsten Weise bekräftigt hat. Das Gebet kann zum Himmel aufklimmen, denn Gott selbst hat die Leiter bereitgestellt, sie gerade beim Haupte seines einsamen Jakob niedergesetzt. so daß dies Haupt, wenn es auch einen Stein als Kissen hat, doch in Frieden ruhen kann. Seht, auf der Spitze der Leiter steht der Herr selber als Bundesgott, empfängt unsere Bitten und sendet seine dienenden Engel mit Antworten auf unsere Gebete. Sollen wir Gott nicht dafür loben?

Laßt uns seinen Namen preisen, liebe Freunde, auch besonders dafür, daß ihr und ich noch am Leben erhalten sind und wir beten können und dürfen. Sind wir auch in großer Trübsal, so ist es doch des Herrn Gnade, daß wir nicht ganz verzehrt sind. Wenn wir erhalten hätten, was wir verdient haben, so wären wir jetzt nicht in der Lage, zu beten und ihn zu bitten. So soll es unser Trost sein und zu Gottes Preis dienen, daß wir stets noch mit gebeugtem Haupte stehen können und rufen: »Gott, sei mir Sünder gnädig.« Noch dürfen wir schreien wie der sinkende Petrus: »Herr, hilf mir oder ich verderbe.« Wie David mögen wir unfähig sein, hinauf zum Tempel zu gehen, aber wir können immer noch zu Gott im Gebet gehen. Der verlorene Sohn hat sein Vermögen verloren, aber nicht seine Fähigkeit, zu bitten. Er hat die Säue gehütet, aber bis jetzt ist er noch ein Mensch und imstande, Wünsche und Bitten zu äußern. Er mag seinen Vater vergessen haben, aber sein Vater hat ihn nicht vergessen; er kann sich aufmachen und kann zu ihm gehen und sein Herz in seines Vaters Herz ausschütten. Deshalb laßt uns Gott Dank bringen, daß er ins nirgends gesagt hat: »Ihr sollt mein Angesicht vergeblich suchen.«

Wenn wir den Wunsch spüren, mit Zittern in unserm Herzen zu beten, und wenn wir ein wenig, vielleicht fast erloschene Hoffnung auf die Verheißung unsers gnädigen Gottes fühlen, wenn unser Herz immer noch nach Gott und nach Heiligkeit seufzt, obgleich es seine Kraft verloren, mit freudiger Zuversicht zu beten wie früher, so laßt uns dennoch dankbar sein, daß wir zu beten imstande sind, auch wenn es nur wenig ist. In dem Willen und der Möglichkeit zu beten liegt die Fähigkeit, unendlicher Segnungen teilhaftig zu werden. Wer den Schlüssel des Gebetes hat, kann den Himmel öffnen, ja, er hat Zugang zum Herzen Gottes. Deshalb lobt Gott für das Gebet.

Und dann, Geliebte, außer dem Gebet und unserer Macht, es zu üben, ist es ein weiterer Grund zur Danksagung, daß wir schon große Gnaden von Gottes Hand empfangen haben. Wir kommen nicht zu Gott, um Gaben zu erbitten und sie zum ersten Male in unserem Leben zu empfangen. Selbst wenn er mir nie eine weitere Gunst gewährte, so habe ich, gelobt sei sein Name, genug, um ihm zu danken, so lange ich lebe. Außerdem müssen wir daran gedenken, daß, wie große Dinge wir auch erflehen, es uns doch nicht möglich ist, um nur halb so große Segnungen zu bitten, wie die, welche wir schon empfangen, wenn wir in der Tat seine Kinder sind. Wenn du ein Christ bist, so hast du Leben in Christus. Willst du um Brot und Kleidung bitten? Das Leben ist mehr als diese. Du hast schon Christus empfangen, und Gott, der seiner nicht schonte, wird dir nichts versagen. Ist irgend etwas den unendlichen Reichtümern zu vergleichen, die in Christus Jesus schon unser sind? Laßt uns immer und immer wieder unserem Wohltäter danken für das, was wir haben, während wir um mehr bitten. Sollte nicht das reichliche Lob seiner großen Güte überfließen in unsere Bitten hinein, bis sie in Dankbarkeit eingetaucht sind? Während wir vor Gott in einer Hinsicht mit leeren Händen kommen, so sollten wir in anderer Hinsicht nie leer vor ihm erscheinen, sondern mit dem Fetten unserer Opfer kommen, Preis darbringen und Gott die Ehre geben.

Auch daran sollten wir denken: Wenn wir vor Gott in der Stunde der Not kommen und an seine große Güte uns gegenüber in der Vergangenheit denken und ihm deshalb danken, so sollten wir Glauben genug haben zu vertrauen, daß das gegenwärtige Leiden in Liebe gesandt ist. Ihr werdet Gott im Gebet überwinden, wenn ihr eure Trübsale in diesem Lichte anblicken könnt: – »Herr, ich habe diesen Dorn im Fleisch, ich bitte dich, befreie mich davon, aber mittlerweile lobe ich dich dafür. Denn obwohl ich nicht das Warum und Wozu verstehe, so bin ich überzeugt, daß Liebe darin ist. Deshalb, wenn ich dich auch bitte, ihn hinwegzunehmen, der mir ein Übel scheint, so lobe ich dich doch für das, worin er mir nach deiner besseren Erkenntnis zum Heil dient, und bin willig, ihn zu ertragen, so lange du es zweckmäßig findest.« Ist das nicht eine liebliche Art des Betens? »Herr, ich bin in Mangel, laß es dir gefallen, mich zu versorgen; aber mittlerweile, wenn du es nicht tust, so ist es besser für mich, bedürftig zu sein, und so preise ich dich für meinen Mangel, während ich dich bitte, mich zu versorgen. Ich rühme mich meiner Schwachheit, selbst während ich dich bitte, sie zu überwinden. Ich triumphiere vor dir in meiner Trübsal und lobe dich dafür, sogar während ich dich bitte, mir in ihr zu helfen und mich daraus zu erretten.« Dies ist eine königliche Art zu beten: solch ein Edelstein von Gebet und Danksagung ist wertvoller als Gold.

Ferner, Geliebte, geziemt es uns, Gott zu loben, daß das Gebet so viele Male früher erhört ist. »Ich beuge mich wiederum vor dir, um zu bitten, aber ehe ich es tue, danke ich dir, daß du mich so oft schon erhört hast. Ich weiß, du hörst mich allezeit, deshalb fahre ich immer noch fort, zu dir zu rufen. Meine Danksagungen treiben mich zu weiteren Bitten an, ermutigen mich zur vollen Zuversicht, daß du mich nicht leer schicken willst.« Viele der Güter, die wir heute besitzen und deren wir uns freuen, sind Gebetserhörungen. Sie sind uns lieb, weil sie wie Samuel, den seine Mutter so nannte, weil er »von Gott erbeten« war, uns als Antwort auf unser Flehen erteilt wurden. Wenn die Gaben so kommen, ist eine doppelte Freude dabei, nicht nur, weil sie an sich gut sind, sondern weil sie Zeugnisse dafür sind, daß Gott uns gnädig ist. Da Gott uns so oft erhört hat und wir Beweise davon besitzen, sollten wir je mit Murren und Klagen beten? Sollten wir nicht eher eine tiefe Freude fühlen, wenn wir uns dem Gnadenthron nahen, ein Entzücken, das durch die sonnigen Erinnerungen der Vergangenheit erweckt wird?

Auch sollten wir beten mit Danksagung in der höchsten aller Bedeutungen, indem wir Gott danken, daß wir im Glauben das Gut bereist haben, welches wir suchen. Ich wünschte, wir könnten diese hohe Tugend des Glaubens lernen. Als ich kürzlich mit Georg Müller, dem Waisenvater, sprach, setzte er mich oft in Erstaunen durch die Art, wie er erwähnte, daß er so viele Monate und Jahre lang um die und die Gabe gebeten und den Herrn dafür gepriesen hätte. Er lobte den Herrn, als wenn er sie schon wirklich erlangt habe. Selbst wenn er um die Bekehrung eines Menschen bäte, finge er, so bald er für diesen zu beten beginne, auch an, Gott für dessen Bekehrung desselben zu danken. Obgleich er in einem Fall schon seit dreißig Jahren gebetet habe und das Werk noch nicht geschehen sei, habe er doch die ganze Zeit über fortgefahren, Gott zu danken, weil er wisse, das Gebet würde erhört werden. Er glaubte, das Erbetene zu haben, und begann, dessen Geber zu erheben. Ist dies unvernünftig? Wie oft empfinden wir im voraus Dankbarkeit unter den Menschen! Wenn ihr einem Armen versprächet, seine Miete zu bezahlen, wenn sie fällig wäre, so würde er euch sogleich danken, obwohl noch kein Pfennig aus eurer Tasche gekommen wäre. Wir haben Glauben genug an unsere Mitmenschen, ihnen im voraus zu danken, und gewiß könnten wir dasselbe mit unserm Herrn tun. Sollten wir nicht willig sein, Gott ein paar Monate und selbst ein paar Jahre voraus zu trauen, wenn seine Weisheit uns warten heißt? Dies ist die Art, bei ihm den Sieg zu gewinnen. Wenn ihr betet, so glaubt, daß ihr die Güter empfangen werdet, um die ihr bittet, und ihr werdet sie haben. »So ihr glaubet«, sagt die Schrift, »so werdet ihr es empfangen«. Wie eines Menschen Scheck für sein Geld steht, so laßt Gottes Verheißung als die Erfüllung gelten. Sollen die Banknoten des Himmels nicht für bares Geld gelten? Ja, wahrlich, sie sollen einen nicht in Frage gestellten Kurswert unter den Gläubigen haben. Wir wollen den Herrn loben, daß er uns gibt, was wir gesucht haben, da es eine Sache absoluter Gewißheit ist, daß wir es haben werden. Wir werden niemals Gott im Glauben danken und dann finden, daß wir getäuscht werden. Er hat gesagt: »Alles, was ihr bittet in eurem Gebet, glaubet nur, daß ihr es empfangen werdet, so wird es euch werden.« Und deshalb können wir versichert sein, daß die Danksagung des Glaubens niemals Scham in das Antlitz des Mannes bringen wird, der sie ausspricht.

Gewiß, Brüder, wenn der Herr ein Gebet nicht erhört, so ist er doch so gut, so überaus gut, daß wir ihn lieben wollen, ob er es tut oder nicht. Wir sollten ihn sogar preisen, wenn er uns nicht antwortet, und ihn lieben, daß er unsere Wünsche uns verweigert. Wie innig sollten einige von uns ihm danken, daß er unsere Gebete nicht erhörte, als wir in der Unwissenheit unseres kindischen Gemütes schädliche Dinge von ihm verlangten. Wir baten um Fleisch, und er hätte uns Wachteln senden können in seinem Zorn, aber aus Liebe wollte er uns nicht erhören. Gelobt sei sein Name, daß er sein Ohr aus Mitleid schloß! Laßt uns ihn anbeten, wenn er uns an seiner Türe warten läßt; ihm danken für abschlägige Antworten und ihn loben, wenn er uns etwas verweigert. Der Glaube rühmt die Liebe Gottes, denn er weiß, daß des Herrn härteste Behandlung nur verhüllte Liebe ist. Wir sind nicht so niedrig, unsern Gesang vom Wetter abhängig zu machen oder von der Fülle der Olivenpresse und des Weinfasses. Gelobt sei sein Name, er muß im Recht sein, selbst wenn er die Absichten seines Volkes zu durchkreuzen scheint; wir wollen nicht mit ihm zanken, wie unverständige Kinder mit ihren Wärterinnen, weil er uns nicht jeden Wunsch unseres törichten Herzens gewährt. Obgleich er uns schlägt, wollen wir ihm trauen, viel mehr noch, wenn er unsere Bitten uns verweigert. Wir bitten ihn um unser tägliches Brot, und wenn er es uns vorenthält, wollen wir ihn dennoch preisen. Unser Lob hängt nicht von seiner Antwort auf unsere Gebete ab. Wenn die Ernte der Oliven fehlschlagen und das Feld keine Frucht bringen sollte, wenn die Herde aus der Hürde geraubt werden sollte und das Vieh aus dem Stahle, so wollten wir uns doch in dem Herrn freuen und frohlocken in dem Gott unseres Heils. Heiliger Geist, erhebe uns zu diesem Gnadenstand und erhalte uns darin!

Von dem, wovon wir jetzt gesprochen, lautet die Summe: In jeder Lage und in jeder Not nahet euch Gott im Gebet, aber bringt immer Danksagung mit euch. Wie Joseph zu seinen Brüdern sprach: »Ihr sollt mein Angesicht nicht sehen, es sei denn euer Bruder mit euch«, so kann der Herr zu euch sprechen: »Ihr sollt mein Lächeln nicht erhalten, ihr bringet denn Danksagung mit euch.« Laßt eure Gebete jenen alten Büchern gleichen, in denen die Anfangsbuchstaben der Gebete vergoldet und mit reichen Farben verziert sind, das Werk geschickter Schreiber. Laßt selbst das allgemeine Sündenbekenntnis und die Litanei trauriger Bitten wenigstens einen illustrierten Buchstaben haben. Illustriert eure Gebete; hellt sie mit Strahlen der Danksagung überall auf. Und wenn ihr zum Gebet zusammenkommt, vergeßt nicht, dem Herrn zu singen und zu spielen mit Psalmen, Lobgesängen und geistlichen, lieblichen Liedern.

2. Wenn es an Danksagung mangelt

Im zweiten geht es um denselben Punkt, wenn ich über das Übel spreche, wenn die Danksagung in unsern Gebeten fehlt.

Zuerst würden wir der Undankbarkeit schuldig sein. Sollen wir immer empfangen und niemals Dank zurückgeben? Aristoteles bemerkt richtig: »Wiedervergeltung tut not, um Freundschaft zwischen zwei Menschen zu wahren.« Da wir Gott nichts anderes zu geben haben als Dankbarkeit, so laßt uns daran reich sein. Wenn wir keine Frucht des Feldes haben, laßt uns ihm wenigstens die Frucht unserer Lippen bringen. Habt ihr keinen Dank zu geben? Wie könnt ihr dann weitere Gaben erwarten? Nie ein Wort des Dankes ihm, von dem allen Segen kommt? Dann könnten selbst die Gottlosen euch verachten.

Es würde auch große Selbstsucht beweisen, wenn wir nicht das Loben mit dem Beten vereinten. Kann es recht sein, nur an uns selbst zu denken, um Wohltaten zu bitten und nie unseren Wohltäter zu ehren? Wollen wir etwa das abscheuliche Laster des Geizes in geistliche Dinge hineintragen und nur für das Wohl unserer eigenen Seele sorgen? Kein Gedanke an die Ehre Gottes? Kein Gedanke daran, seinen großen und gelobten Namen zu erhöhen? Gott bewahre, daß wir in einen so niedrigen und engherzigen Sinn hineingeraten. Preis und Dank wollen sorgsam gepflegt sein, denn dies verhütet, daß der Mehltau der Selbstsucht auf das Gebet fällt.

Danksagung verhütet auch, daß das Gebet den Mangel an Glauben zur Schau stellt. Denn in den Tat: Manches Gebet offenbart eher Mangel an Glauben, als die Übung des Vertrauens auf Gott. Wenn ich in Leiden immer noch Gott lobe für alles, was ich dulde, so wird darin mein Glaube sichtbar. Wenn ich, ehe ich die Gabe erhalte, Gott danke für die Gnade, die ich noch nicht geschmeckt habe, so wird darin mein Glaube offenbar. Ist unser Glaube etwa so, daß er nur im Sonnenschein singt? Haben wir kein Nachtigallenlied für unsern Gott? Gleicht unser Vertrauen den Schwalben, die uns im Winter verlassen? Ist unser Glaube eine Blume, die ein Treibhaus nötig hat, um lebendig zu bleiben? Kann er nicht blühen wie der Enzian am Fuße des eisigen Gletschers, wo die Feuchtigkeit und Kälte der Trübsal ihn umgeben? Ich hoffe, er kann es, er sollte es, und wir sollten fühlen, daß wir Gott loben und preisen können, auch wenn uns äußerlich eher nach Seufzen als nach Singen zumute ist.

Gott nicht in unseren Gebeten zu danken, würde Eigensinn bekunden und Mangel an Unterwerfung unter seinen Willen. Muß alles nach unserm Sinn laufen? Sich weigern, Gott zu loben, bis wir unsern Willen haben, ist große Anmaßung und zeigt, daß wir wie ein unartiges Kind schmollen, das nicht seinen Willen bekommt. Ich könnte den Eigenwillen manches Gebetes an einem kleinen Knaben veranschaulichen: Er sagte sehr eifrig seine Gebete her, aber war zu gleicher Zeit ungehorsam, schlecht gelaunt und ein richtiger Quälgeist. Seine Mutter sagte ihm, sie dächte, es sei bloß Heuchelei, wenn er bete. Er erwiderte: »Nein, Mutter, das ist es wirklich nicht, denn ich bitte Gott, dich und Vater dahin zu bringen, daß ihr meine Art und Weise mehr liebt, als ihr es tut.« Sehr viele Leute wünschen, der Herr möchte ihre Art mehr lieben; aber sie beabsichtigen nicht, der Art und Weise des Herrn zu folgen. Ihr Sinn ist Gott entgegen und will sich nicht seinem Willen unterwerfen. Und deshalb kennen sie keine Danksagung. Lobpreis im Gebet zeigt einen demütigen, ergebenen, gehorsamen Geist an, und wo er fehlt, da dürfen wir Eigenwillen und Selbstsucht vermuten. Vieles in dem Gebet rebellischer Herzen ist nur das Grollen einer zornigen Hartnäckigkeit, das Wimmern eines nicht befriedigten Dünkels. Gott muß dies tun und muß das tun, sonst wollen wir ihn nicht lieben. Was für ein kindliches Geschwätz! Was für verzogene Kinder sind das! Einige Streiche mit der Rute tun ihnen gut. »Ich kann nicht mehr an die Güte Gottes glauben«, sagt einer, »seit er mir meine liebe Mutter nahm.« Ich kannte einen Mann, dessen Tochter am Rande des Grabes war; als ich sie besuchte, bat er mich, nicht vom Tode mit ihr zu sprechen, »denn«, sagte er, »ich glaube nicht, Gott könnte so unfreundlich handeln und mein einziges Kind hinwegnehmen«. Ich versicherte ihm, sie würde gewiß in ein paar Tagen sterben und er müsse nicht mit dem Willen des Herrn hadern. Aber er blieb beharrlich in seiner Auflehnung. Er betete, aber er konnte Gott nicht loben, und es war kein Wunder, daß sein Mut sank und er sich nicht trösten lassen wollte, als sein Kind schließlich starb, wie es vorherzusehen war. Später ergab er sich in den Willen Gottes, aber sein Mangel an Unterwerfung kostete ihm viele Pein. Dies Hadern mit Gott ist etwas Armseliges! Die Ergebung kommt ins Herz wie ein Engel, unvermutet, und wenn wir ihn aufnehmen, wird unsere Seele getröstet. Wir dürfen um des Kindes Leben bitten, aber wir müssen auch dem Herrn danken, daß das teure Leben so lang erhalten blieb, und müssen das Kind oder um was es sonst geht in unseres Vaters Hände legen und sagen: »Wenn du alles hinwegnähmest, so will ich doch deinen Namen loben, o Gott.« Dies ist ein Gott angenehmes Gebet, weil es nicht mit dem Sauerteig des Eigenwillens gesäuert, sondern mit Dankbarkeit gesalzen ist.

Wenn sich nicht Dank in unsere Gebete mischt, besteht die Gefahr, daß unsere Seele nicht mit dem göttlichen Willen im Einklang ist. Erinnert euch, liebe Freunde, daß das Gebet nicht den Sinn Gottes ändert: es war nie die Bestimmung des Gebets, etwas derartiges zu versuchen. Gebet ist der Schatten der Ratschlüsse des Ewigen. Gott will etwas und macht, daß seine Heiligen es wollen und ihren Willen im Gebet ausdrücken. Gebet ist das Rauschen der Flügel der Engel, welche uns die Segnungen bringen. Es steht geschrieben: »Habe deine Lust am Herrn, der wird dir geben, was dein Herz wünscht.« Es ist nicht gesagt, daß er jedem Hans und Peter geben will, was sein Herz wünscht, sondern ihr müßt erst eure Lust am Herrn haben, und wenn eure Seele all ihre Freude in Gott findet, dann ist es klar, daß Gott und ihr, so weit es sein kann, auf derselben Linie steht und in der selben Richtung geht, und dann sollt ihr haben, was euer Herz wünscht, weil es das ist, was Gottes Herz wünscht. Es gibt einige, die nicht so beten können, daß sie die siegreiche Macht des Gebetes erfahren, denn die Sünde hat sie schwach gemacht und Gott steht ihnen entgegen, weil sie ihm entgegenstehen. Wer das Licht des Angesichts Gottes verloren hat, hat auch viel von seiner Macht im Gebet verloren. Nicht jeder Israelit hätte auf die Spitze des Karmels hinaufgehen und die Fenster des Himmels öffnen können, wie Elia es tat. Nein, er muß erst ein Elia sein, denn es ist das ernstliche, brünstige Gebet, nicht jedes Mannes, sondern eines gerechten Mannes, das viel vermag. Wenn der Herr euer Herz und meines in Übereinstimmung mit sich selber gebracht hat, dann werden wir beten und siegen. Was sagte unser Herr? — »So ihr in mir bleibet und meine Worte in euch bleiben, werdet ihr bitten, was ihr wollt, und es wird euch widerfahren.« Ohne Zweifel verlieren viele die Macht des Gebetes, weil ihr Leben den Herrn betrübt und er nicht mit Wohlgefallen auf sie schauen kann. Wird ein Vater auf die Bitten eines Kindes hören, das sich gegen die väterliche Autorität auflehnt? Das gehorsame, liebende Kind, das nichts wünscht, das nichts für recht hält, ist es, dessen Bitten ihr gern beachtet und erfüllt; ja, mehr noch, ihr kommt den Wünschen solches Kindes zuvor, und ehe es ruft, antwortet ihr ihm. Möchten wir solche Kinder des großen Gottes sein.

3. Wenn Dank das Gebet durchdringt, verändert sich alles

Nun wollen wir die Folgen davon erwägen, wenn diese Danksagung mit dem Gebet verbunden ist. Nach dem Zusammenhang des Textes bringt die Danksagung im Gebet Frieden: »In allen Dingen laßt eure Bitte in Gebet und Flehen mit Danksagung vor Gott kund werden, und der Friede Gottes, welcher höher ist als alle Vernunft, wird eure Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren.« Nun, dieser Frieden, diese bewußte Ruhe, diese göttliche Gelassenheit, welche als Friede Gottes bezeichnet ist, wird nicht durch Gebet allein hervorgebracht, sondern durch Gebet mit Danksagung. Manche Leute beten, und sie tun gut daran. Aber weil sie nicht Dank damit verbinden, macht ihr Gebet sie unruhig, und sie kommen aus ihrem Kämmerlein noch ängstlicher heraus, als sie hineingingen. Wenn sie in ihre Gebete jenes liebliche Pulver täten, welches Lobpreis genannt wird, und es wie ein Apotheker im richtigen Verhältnis untermengten, so würde der Segen Gottes nicht auf sich warten lassen und ihnen Ruhe des Herzens geben. Wenn wir unsern gnädigen Herrn für dasselbe Leiden preisen, gegen welches wir beten; wenn wir ihm für die Gabe danken, die uns nottut, als wenn wir sie schon hätten; wenn wir uns vornehmen, ihn zu preisen, ob wir das gut empfangen oder nicht, und lernen uns genügen zu lassen, in welcher Lage wir auch sind, dann wird der Friede Gottes, der alle Erkenntnis übertrifft, unsere Herzen und Sinne in Christus Jesus bewahren. Brüder, wenn ihr diese göttliche Ruhe des Geistes für wertvoll haltet, wenn ihr diese beständige Heiterkeit der Seele bewahren wollt, so bitte ich euch, mischt Dank in eure Gebete.

Die nächste Wirkung davon wird sein: Danksagung macht das Herz warm und fähig zum Beten. Ich glaube, es ist die Erfahrung vieler, die verborgene Andacht lieben, daß sie zu Zeiten nicht beten können, denn ihr Herz scheint hart, kalt, stumm und fast tot. Pumpt nicht unwilliges und mechanisches Gebet herauf, meine Brüder; sondern nehmt lieber das Gesangbuch zur Hand und singt. Während ihr den Herrn preist für das, was ihr habt, werdet ihr finden, daß euer steinernes Herz schmilzt und Ströme zu fließen beginnen. Ihr werdet Mut gewinnen, mit dem Herrn zu ringen, weil ihr euch erinnert, was ihr früher von seiner Hand empfangen habt. Wenn ihr einen leeren Wagen im Bergwerk hinaufzuschieben hättet, wäre es eine sehr schwierige Aufgabe für euch; aber das Werk wird leicht getan durch den gesunden Menschenverstand der Bergleute. Sie lassen die vollen Wagen, indem sie hinunterlaufen, die leeren den Abhang hinaufziehen. Wohlan, wenn euer Herz voll Dank für empfangene Gnaden ist, laßt es den Abhang hinunterlaufen und den leeren Wagen eurer Wünsche hinaufziehen. Es wird euch ein Leichtes sein, zu beten. Kalte und kühle Gebete sind immer zu beklagen. Wenn unser Herz durch ein so einfaches Mittel wie das Danken erwärmt und erneuert werden kann, laßt uns jedenfalls dafür sorgen, daß wir es gebrauchen.

Zuletzt: ich glaube, wenn jemand beginnt, mit Danken zu beten, so ist er nahe davor, den Segen zu erhalten. Gottes Zeit, euch zu segnen, ist gekommen, wenn ihr beginnt, ihn sowohl zu loben als auch zu bitten. Gott hat seine bestimmte Zeit, uns Gnade zu erweisen, und er will uns nicht unsern Wunsch gewähren, bis die rechte Zeit gekommen ist. Aber diese Zeit ist da, wenn ihr anfangt, den Herrn zu loben. Seht, ein Beispiel davon finden wir in 2. Chronik 20, 20. Josaphat zog aus, gegen ein sehr großes Heer zu kämpfen. Achtet darauf, wie er den Sieg gewann. »Und sie machten sich früh am Morgen auf und zogen aus zu der Wüste Tekoa. Und als sie auszogen, trat Josaphat hin und sprach: Höret mir zu, Juda und ihr Einwohner von Jerusalem: Glaubet an den Herrn, euren Gott, so werdet ihr sicher sein, und glaubet seinen Propheten, so wird es euch gelingen. Und er berät sich mit dem Volk und bestellte« – was? Krieger? Hauptleute? Nein, das war alles getan, sondern er bestellte »Sänger für den Herrn, daß sie im heiligen Schmuck Loblieder sangen und vor den Kriegsleuten herzögen und sprächen: Danket dem Herrn, denn seine Barmherzigkeit währet ewiglich. Und als sie anfingen mit Danken und Loben, ließ der Herr einen Hinterhalt kommen über die Ammoniter und Moabiter und die vom Gebirge Seir, die gegen Juda ausgezogen waren, und sie wurden geschlagen.« Der Sieg kam, als sie anfingen, zu singen und zu loben. Ihr werdet Antwort auf eure Gebete erhalten, wenn ihr euren Dank in all eurem Bitten und Flehen vermehrt: seid dessen gewiß.

Ein Mann kam einst zu einem Prediger und sagte: »Sie sagen, daß wir alle Zeit beten sollen.« »Ja, mein Freund, ohne Zweifel.« »Aber ich habe ein Jahr lang gebetet, daß ich Trost der Religion genießen möchte, und ich fühle weder Freude noch auch nur Seelenfrieden; im Gegenteil, ich habe mehr Zweifel und Ängste als je zuvor.« »Ja«, sagte der Prediger, »das ist das natürliche Resultat eines so selbstsüchtigen Gebetes. Kommen Sie und knien Sie mit mir nieder und lassen Sie uns anders beten: ›Vater, verkläre deinen Namen! Dein Reich komme!‹ Und nun«, sagte er, »gehen Sie, bringen Sie diese Bitten vor Gott. Versuchen Sie es wahr zu machen und sehen Sie, ob Sie nicht bald Trost empfangen.« Es liegt überaus viel an dieser Tatsache: wenn ihr nur wünscht, daß Gott verherrlicht werde, und danach strebt, ihn selbst zu verherrlichen, dann werden die Freuden wahrer Gottseligkeit euch als Erfahrung eures Gebetes zuteil wenden.

Die Zeit für den Segen ist da, wenn ihr beginnt, Gott dafür zu preisen. Brüder, ihr könnt gewiß sein: Wenn ihr Dank hinaufsendet, weil Gott euer Gebet erhört hat, so habt ihr wirklich bei Gott gesiegt. Stellt euch vor, ihr hättet einen armen Frau versprochen, ihr morgen ein Mittagessen zu geben. Ihr könntet es vergessen, wie ihr wißt; aber nehmt an, sie schickte ihr kleines Mädchen mit einem Korb, das Essen abzuholen, sie würde es doch gewiß bekommen; und wenn die arme Seele noch dazu einen Brief mitschickte, in dem sie euch für eure große Güte dankte, würdet ihr es über das Herz bringen, zu sagen: »Mein liebes Kind, ich kann dir heut nichts geben, komm ein anderes Mal?« O nein, wenn ihr nichts im Schrank hättet, so würdet ihr etwas holen lassen, weil die gute Seele euch so vertraute, daß sie euch den Dank sandte, ehe sie noch die Gabe empfangen hat. Vertraut doch dem Herrn in derselben Weise. Er kann sein Wort nicht zurücknehmen, Brüder. Gläubiges Gebet hält ihn, gläubiger Dank bindet ihn. Wenn ihr, die ihr doch arg seid, nicht abschlagt, was ihr versprochen habt, wenn diesem Versprechen so geglaubt wird, daß man sich freut, als wenn man es schon empfangen hätte – dann verlaßt euch darauf, der gute Gott wird es erst recht nicht abschlagen. Die Zeit zur Erhörung ist gekommen, weil Dank für diese Erhörung euer Herz füllt. Ich überlasse es eurem Nachdenken. Wenn ihr in dieser Art betet, so wird für euch viel Gutes daraus entstehen und desgleichen für die Kirche Gottes und für die Welt im großen und ganzen.

Nun höre ich jemand sagen: »Aber ich kann so nicht beten. Ich weiß nicht, wie ich beten soll. Wenn ich doch wüßte, wie man betet! Ich bin ein armer schuldiger Sünder. Ich kann nicht meine Danksagungen mit meinen Bitten verbinden.« Ach, lieber Freund, denke jetzt nicht daran. Was ich gepredigt habe, galt dem Volk Gottes. Für dich ist es genug, zu sagen: »Gott, sei mir Sünder gnädig.« Und doch will ich wagen zu behaupten, daß auch in einer solchen Bitte Preis ist. Du preist indirekt die Gerechtigkeit Gottes und du preisest seine Gnade, indem du dich an ihn wendest. Als der verlorene Sohn zurückkehrte und sein Gebet begann, indem er sagte: »Ich bin nicht wert, dein Sohn zu heißen«, war in diesem Bekenntnis ein wirkliches Lob der Güte seines Vaters, deren er sich unwürdig fühlte. Aber du brauchst nicht gerade jetzt über diese Sache nachzudenken, denn du hast nur Jesus zu finden und in ihm das ewige Leben. Geh zu ihm, verlaß dich auf die Liebe und Gnade Gottes in ihm, und er wird dich nicht verstoßen. Und dann, wenn du ihn gefunden und erkannt hast, sorge dafür, daß der Dank für deine Errettung niemals aufhört. Selbst wenn du am hungrigsten und ärmsten und dürftigsten bist, fahre fort, deinen Retter und Herrn zu loben und zu sagen: »Ich liebe den Herrn, denn er hört die Stimme meines Flehens. Er neigt sein Ohr zu mir, darum will ich mein Leben lang ihn anrufen. – Preiset mit mir den Herrn und laßt uns miteinander seinen Namen erhöhen.«

 


Auszug aus Spurgeon, C.H..: "Betet ohne Unterlaß", 4.Aufl. 1996, © 1982 by OnckenVerlag, Wuppertal und Kassel, ISBN 3-7893-7108-4

 


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Quelle: http://www.bibelcenter.de/bibel/studien/gebet/d-std056.php
Stand:  27.11.2019